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Energie: 100 Prozent Erneuerbare bis 2030 für Strom - Was kostet das?

Copyright by Michael Bockhorst Samstag, 20. November 2010

Im Energiekonzept von Bündnis 90/Die Grünen, welches auf dem Parteitag vorgestellt wurde, gibt es ein zentrales Ziel: 100 Prozent erneuerbare Energien bis zum Jahr 2030 im Bereich der Stromerzeugung.

Ein ambitioniertes Ziel, welches man gerne setzen möchte. Ein Ziel zu erreichen, ist oft schwer, meist sehr schwer, manchmal unmöglich.

In diesem Artikel werden die notwendigen Investitionskosten und die nachher notwendigen Kosten zur Instandhaltung der Infrastruktur abgeschätzt.

Detailinformationen zu den Anteilen der einzelnen regenerativen Kraftwerksarten für das Jahr 2030 werden im Energiekonzept von Bündnis 90/Die Grünen nicht genannt. Daher wird in diesem Artikel ein Szenario entworfen:

Aktuelle Situation (Daten 2009, AGEB e.V.):7 Prozent Windenergie, 3 Prozent Wasserkraft, 1 Prozent Photovoltaik, 4 Prozent Biomasse - in der Summe 14 Prozent erneuerbare Energien. Dazu sind 40 Gigawatt Kraftwerkskapazität installiert.

Wie könnte ein rein regenerativer Energiemix in 20 Jahren aussehen? Z.B. 6 Prozent Biomasse, 4 Prozent Wasserkraft, 15 Prozent Photovoltaik, 75 Prozent Windkraft.

Spezifische Investitionskosten für Dauerleistung


Die spezifischen Investitionskosten werden pro Kilowatt Dauerleistung erhoben, nicht pro Kilowatt installierter Leistung. Bei Windenergie liegt der zeitliche Anteil der Nennleistung bei ca. 30 Prozent (Beste Standorte, Offshore) und die Technische Verfügbarkeit bei ca. 95 Prozent. 1 Kilowatt Nennleistung entspricht damit

Dauerleistung = Installierte Leistung * zeitl. Anteil * techn. Verfügbarkeit

Dabei wird die insgesamt in Deutschland eingesetzte elektrische Energie verwendet, nicht nur der im Haushalt verwendete Anteil.

Die Kraftwerke im Detail


Biomasse: Ein Ausbau um 50 Prozent erscheint realistisch, wenn man voraussetzt, dass die Biomasse nachhaltig im Inland produziert wird. Die Investitionskosten werden mit 1750 Euro pro Kilowatt Dauerleistung angesetzt.

Wasserkraft: Ein Ausbau um ca. 35 Prozent erscheint realistisch, wenn die Eingriffe in naturnahe Landschaften auf einem geringen Maß gehalten werden sollen. Ein hoher Anteil an Kleinwasserkraftwerken wird Investitionskosten von etwa 4000 Euro pro installiertem Kilowatt Dauerleistung erfordern.

Windkraft: Ein Ausbau um den Faktor 11 kann - unter der Voraussetzung, dass die Offshore-Windenergie erfolgreich in 20 Jahren eingeführt werden kann - als technisch machbar angesehen werden. Ökologische Gesichtspunkte können bei einem derart massiven Ausbau keinesfalls angemessen berücksichtigt werden. Die Investitionskosten werden mit 1500 pro Kilowatt peak und 5000 Euro pro Kilowatt Dauerleistung angesetzt.

Photovoltaik: Ein Ausbau um den Faktor 15 kann durch reinen Kapitaleinsatz bewerkstelligt werden, weil die Flächen als Dachflächen zur Verfügung stehen und keine Nutzungskonkurrenz zu erwarten ist. Bei niedrig angesetzten Kosten von 2000 Euro pro Kilowatt Spitzenleistung (derzeit, 2010: 6000 Euro pro Kilowatt Peak (kWp)) liegen die Kosten für ein Kilowatt Dauerleistung bei ca. 20000 Euro.

Investitionskosten für einen rein regenerativen Energiemix


Gehen wir von einem gleichbleibenden Bedarf an elektrischer Energie aus, entspricht ein Prozentpunkt einer Dauerleistung von ca. 0.70 Gigawatt oder, in Kilowatt Dauerleistung umgerechnet:

1 Prozentpunkt = 700 000 Kilowatt

Die Gesamt-Investitionskosten werden dann berechnet zu

Gesamt-Investitionskosten = Anteil (in Prozent) * spezif. Invest.-Kosten * 700 000

Damit ergibt sich für

  • Biomasse (+ 2%): 2,5 Mrd Euro
  • Wasserkraft (+ 1%): 2,8 Mrd. Euro
  • Windenergie (+ 68%): 240 Mrd. Euro
  • Photovoltaik: (+ 14%): 200 Mrd. Euro

Für den Ausbau von Netzwerken und - vorausgesetzt, dafür gibt es technische Lösungen - die Speichersysteme werden vergleichbare Kosten angesetzt, wie für den Aufbau der Kraftwerks-Infrastruktur:

Gesamtinvestitionskosten =
450 Mrd. Euro (Kraftwerke) + 450 Mrd. Euro (Netze, Speicher) =
900 Mrd. Euro


Jährliche Kosten für die Instandhaltung ab 2030 (jährlich ca. 5 % der Investition):

45 Mrd. Euro

HINWEIS: Alle Angaben zu Preisen von 2010

Was bezahlt die Investitionen und Instandhaltung?


Wir, die Bürger. Das macht in den nächsten 20 Jahren 11000 Euro pro Kopf und danach 450 Euro pro Jahr für die Instandhaltung. Vorausgesetzt, es treten keinerlei technische, ökologische oder soziale Probleme / Folgewirkungen auf. Vorausgesetzt, wir können elektrische Energie effizient zwischenspeichern.

Das Ziel von Bündnis 90/Die Grünen ist ambitioniert. Ob es aber mit vertretbarem Aufwand und nachhaltig erreicht werden kann, ist mehr als fraglich.

Auch die geforderte Einsparung von Strom durch die Anschaffung sparsamer Geräte kann schnell nach hinten losgehen: Wer kann sich den superisolierten A+++ - Kühlschrank überhaupt kaufen? Wie sieht es mit der Gesamt-Energiebilanz aus?

Ohne flankierende Maßnahmen der verhaltensbedingten Energieeffizienz wird die Energiewende kaum zu schaffen sein. Das kann in einigen Bereichen auch den Verzicht auf Annehmlichkeiten bedingen. Aber um einen Verzicht machen alle Interessengruppen einen weiten Bogen - wohl aus marketingstrategischen Gründen.
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