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Energie: Fukushima ist noch nicht zu Ende ...

Copyright by Michael Bockhorst Sonntag, 29. Mai 2011
Nach dem Wahlkampf ist die Berichterstattung über Fukushima schlagartig zurückgegangen. Dafür gibt es keinen Grund. Neue Probleme drohen bei der Bewältigung der Fukushima-Katastrophe.
Nach dem 27. März, dem Termin der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, ist das Thema Fukushima von den Titelseiten der Medien verschwunden. Ein kleiner Statusbericht alle 2 Tage links unten in der Rubrik Panorama oder Wissenschaft muss reichen.

Das “Atommoratorium” der Bundesregierung wurde als reine Wahlkampf-Aktion abgestempelt, insbesondere von den Oppositionsparteien der Bundesregierung. Wahlkämpfe spielen immer eine Rolle, was wie entschieden und verkündet wird. In diesem Fall hat das Atommoratorium tatsächlich eine wichtige Funktion in und für unsere Gesellschaft. Das Thema Kernenergie wird als Teil des Energiekonzeptes verstanden.

Abschalten ohne Ersatz geht nicht. Auch wenn kein neues Kraftwerk gebaut werden muss, um die Stromversorgung ohne Kernkraftwerke zu sichern. Immerhin hat Deutschland noch ca. 50 Prozent Überkapazitäten für die Bereitstellung des Stroms. Allerdings sind diese Kraftwerke nicht unbedingt die effizientesten Industrieanlagen, weil sie zum Beispiel auf die schnelle Befriedigung von kurzzeitig auftretender Nachfrage optimiert sind. Dazu ein Beispiel: Ein innerhalb weniger Minuten auf Spitzenlast hochzufahrendes Gasturbinenkraftwerk hat einen Wirkungsgrad von 25 bis 30 Prozent, ein im Grundlastbetrieb befindliches Gas- und Dampfturbinenkraftwerk wandelt hingegen 55 Prozent der im Erdgas enthaltenen chemischen Energie in elektrischen Strom um.

Das Atommoratorium ist eine historische Chance. Wir können die Kernkraftwerke innerhalb eines oder weniger Jahrzehnte abschalten. Wir können damit Strahlenrisiken wenigstens verringern (im Ausland werden auch in 30 oder 50 Jahren noch Kernkraftwerke Strom liefern). Wir können zudem die Neuproduktion von “Atommüll” in unserem Land stoppen. Und wenn wir den Umstieg gut gestalten, lassen sich Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und vor allem ein ökologisch vertretbarer Kraftwerkspark organisieren. Die derzeitige Opposition im Bundestag und ihre Parteikollegen in den Ländern wären gut beraten, wenn sie konstruktiv an einem solchen zukunftsfähigen Energiekonzept mitarbeiten, statt neue Widerstände zu bieten.

Gerade die nicht mehr ganz so neuen Nachrichten aus Fukushima beunruhigen zum Thema Kernenergie: In drei Kernreaktoren hat eine Kernschmelze stattgefunden, und zwar binnen Stunden nach dem Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami. Eine Kernschmelze bedeutet immer, dass die Kontrolle über einen Kernreaktor verloren ist: Das Innere des Reaktors wurde durch Überhitzung zerstört und die Regelorgane - Kontrollstäbe, Pumpen, im extremen Fall das Reaktordruckgefäß funktionieren nicht mehr.

Kernkraftwerke können sicher betrieben werden. Wenn man ideologiefrei an diese Aufgabenstellung herangeht und Sicherheitsfragen die oberste Priorität vor der betriebswirtschaftliche Kostenoptimierung haben. Ein Weg wäre der, dass Kernkraftwerksbetreiber die vollständigen Kosten und Risiken für ihre Anlagen tragen müssten: Für Uranförderung, Kraftwerksbetrieb und die sichere Behandlung des Atommülls.

Fukushima ist noch lange nicht zu Ende: Nach NHK World (“Fukushima prepares for heavy rain”, 29.5.2011) wird der Tropensturm SONGDA auch die Region Fukushima und damit das Gelände der Fukushima Daiichi Kernkraftwerke überstreichen. Sollte der Sturm dort mit voller Kraft eintreffen (lt. JTWC werden etwa 100 km/h Windgeschwindigkeiten erwartet, vergleichbar mit einem typischen Orkan), müssen alle Rettungs- und Sicherungsarbeiten eingestellt werden.

All dies zeigt, dass der Mensch das Problem darstellt: Aus betriebswirtschaftlichen oder persönlichen Gründen werden Entscheidungen gefällt, die bei einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit ein exorbitant hohes Schadensausmaß zur Folge haben können. Die Entscheidung, Notstromaggregate und deren Treibstofftanks so in einem an einer Tsunami-gefährdeten Küste aufzustellen, dass sie ohne weiteres beschädigt werden können, ist grobfahrlässig. Aber es ist offensichtlich einfacher oder billiger gewesen.

Es ist weiterhin anzunehmen, dass viele der etwa 400 heute betriebenen Kernkraftwerke ähnliche Designfehler aufweisen. Sicherheitsüberprüfungen nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima Daiichi sind daher eine Minimalforderung. Das Abschalten von potentiell besonders gefährlichen Anlagen muss stattfinden - im übrigen auch das entfernen der nuklearen Materialien aus dem Reaktorgebäude (leider bisher kaum diskutiert). Ein Weg ohne Kernenergie sollte das oberste Ziel der Menschheit - ja, man sollte es so weit oben aufhängen - sein.
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