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Energie: Funktioniert die Energiewende ohne gesellschaftlichen Wandel?

Copyright by Michael Bockhorst Sonntag, 12. Juni 2011
Der Umstieg von der nuklear-fossilen Energieversorgung in eine auf Sonnenenergie basierende Energieversorgung ist mehr als ein einfacher Wechsel auf eine neue Art und Weise der Energie-Bereitstellung. Die Energiewende bedeutet auch einen neuen Umgang mit Energie: Energie muss als knappe Ressource verstanden werden, sie muss wertgeschätzt werden.

Was ist bei der Sonnenenergie anders?


Alle regenerativen Energien werden durch das Licht der Sonne, welches auf die Erde strahlt, gespeist. Solarzellen wandelt das Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom um - daher der Name Photovoltaik (nach griech. Photos=Licht, Volt=Einheit der elektrischen Spannung).

Wir alle wissen, dass die Sonne nicht zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter gleichermaßen scheint. Und - abgesehen von den Bewohnern der Tropen - sind wir uns der Jahreszeiten bewusst, die uns mit im Jahreslauf variierenden Lichtmengen begegnen.

Sonnenenergie und damit praktisch alle regenerativen Energien werden zeitlich und räumlich variabel angeboten! Im Gegensatz zu einem Kohle- oder Kernkraftwerk liefert ein Photovoltaik-Kraftwerk im Dunkeln keinen Strom. Windräder liefern nur dann Strom, wenn der Wind auch bläst. Der Wind wiederum wird durch die Sonne angetrieben und seine Stärke und Richtung durch viele Faktoren beeinflusst.

Wer den Anteil erneuerbarer Energien in seinem Energiemix auf 30 Prozent oder einen höheren Anteil heraufsetzen möchte, muss daher entweder

- Energie zwischen den verschiedenen Orten ihres Angebotes und den verschiedenen Gebieten des Energiebedarfs transportieren, d.h. das räumlich unterschiedliche Energieangebot ausgleichen. Oder ...

- Energie speichern, also das zeitlich variierende Angebot ausgleichen. Also Überschüsse in Speichern “einlagern” und Unterangebote durch das Entladen von Speichern ausgleichen.

Dazu fehlen im Falle des Energietransports noch Leitungsstrecken und vielleicht auch das Kapital, diese überhaupt zu finanzieren. Will man eine Rund-um-Versorgung alleine mit erneuerbaren Energien erreichen, braucht man ein interkontinentales, ja wahrscheinlich sogar globales Verbundnetz.

Energiespeicher sind noch nicht einmal verfügbar. Lithium-Ionenakkus scheitern derzeit noch an der Zyklenfestigkeit und der Energiedichte. Sollten diese Probleme behoben werden, wird Lithium am Lithium scheitern: Dieser Rohstoff ist knapp. Entweder wird er zu teuer, um bezahlbare Lithium-Batterien zu bauen oder man wird Lithium auf eine nicht-nachhaltige Weise gewinnen.

Der dritte Weg


Der dritte Weg besteht darin, dass wir selbst mit den variierenden Energieströmen leben lernen. Es ist fraglich, ob eine Waschmaschine um 14:00 laufen muss, wenn in norddeutschen Windparks Flaute herrscht, während sie zwei Stunden später den dann im Überschuss produzierten Windstrom sinnvoll nutzen könnte.

Noch ist Energie in unserer Wahrnehmung ein Produkt, welches auf Knopfdruck strömt. Dahinter steht eine Infrastruktur, die unsere Bedürfnisse jederzeit zu erfüllen willens ist. Wenn jedoch der Umstieg auf erneuerbare Energien gelingen soll, so müssen wir auch ein Stück des Weges persönlich gehen. Energieangebote dann nutzen, wenn sie da sind. Mit Tätigkeiten Warten, wenn Energie nicht verfügbar ist.

Das bedeutet: gesellschaftlicher Wandel! Noch drücken Menschen auf das Gaspedal, um ein Auto zu bewegen, welches 2 Millionen Gramm wiegt. Um 200 Gramm Brötchen 500 Meter weit zu bewegen. So lange wir nicht begreifen, dass diese Verhaltensweise energetischer (und gesundheitlicher) Unsinn ist, sind wir nicht bereit für eine Energiewende. Dabei geht es nicht darum, das Auto oder das Flugzeug abzuschaffen. Es geht vielmehr darum, dass wir diese Instrumente der Mobilität sinnvoll einsetzen: Nicht “just for fun”, sondern um Mobilität zu gewinnen für etwas, was uns Freude bereitet.

Erste Schritte gibt es im Bereich der Einspeisung erneuerbarer Energien. Wer heute eine Photovoltaikanlage auf seinem Hausdach betreiben möchte, kann zwei Modelle wählen.

- Das klassische “ich-verkaufe-Strom-und-mache-Rendite”-Modell, bei dem die eingespeiste elektrische Energie mit einem festen Geldsatz vergütet wird oder

- das neue “wenn-ich-meinen-Solarstrom-selbst-einsetze-spare-ich-viel”-Modell. Dabei wird die selbstgenutzte Kilowattstunde mit etwa 10 Cent vergütet und muss nicht gekauft werden.

In dem zweiten Modell gibt es zwei gute Nachrichten: Der Nutzer gewinnt eine gewisse Unabhängigkeit von Stromkosten, weil er seinen selbst produzierten Strom nutzt und dafür sogar noch Geld erhält. Außerdem wird die sinnvolle Nutzung des durch Sonnenenergie bereitgestellten Stromes zu einem bewussten Akt der Entscheidung.

Märkte und Marktwirtschaft sind nicht per se böse


Ein Energiemarkt, in dem die Preise für Energie die vollständigen und wahren Kosten für deren Bereitstellung darstellen, dürfte auch ein ökologischer Markt sein. Dieser Markt wäre frei, bis auf die Auflage, vollständige und wahre Kosten als Preis zu setzen. Es ist nicht die freie Marktwirtschaft, in dem jeder frei ist, seinen Profit zu optimieren, ohne sich an irgendwelche Regeln zu halten.

In einem freien Energiemarkt unter den vorgenannten Auflagen wäre Strom aus Kernenergie längst eine Produkt mit einem beträchtlichen Preis. Man betrachte dazu das Beispiel Fukushima: Müsste der Betreiber Tepco alle Akteure nur für den unbrauchbar gemachten Boden in einem Radius von 30 Kilometern mit 100 Euro pro Quadratmeter entschädigen, läge die Summe bei 270 Milliarden Euro. Wer würde ein solches Risiko versichern? Wer wollte dafür geradestehen? Vielleicht würde sich jemand dazu bereiterklären, der beim Verkauf von Kernstrom entsprechend hohe Rücklagen bildet. Aber genau dies würde den Strom aus Kernkraftwerken enorm verteuern.

Genau diesem Anspruch müsste alle in den Handel gebrachte Energie genügen. Auch Biogasanlagen müssten Folgen durch den Anbau in Monokulturen, Einsatz von Düngemitteln und wohl auch durch die Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen in ihren Gas- oder Strompreis einrechnen.

Es gibt auch eine grüne Lobby. Diese hat die gleichen Ziele wie ihr nuklear-fossiles Gegenstück. Gewinne maximieren ohne vollständige und ohne wahre Kosten. Noch sind unsere Entscheidungen ebenfalls von Rendite oder Geldeinsparung getrieben. Auch wir müssen uns von diesem Verhalten distanzieren, und wieder etwas sehr Wichtiges lernen:

WIR SIND EIN TEIL IM SYSTEM ERDE.WIR KÖNNEN NUR IN EINEM GESUNDEN SYSTEM ERDE LEBEN.DAS SYSTEM ERDE KÖNNTE JEDOCH OHNE UNS GUT LEBEN.


 

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