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System Erde: Biosprit & Co. - kommt endlich der Gesinnungswandel?

Copyright by Michael Bockhorst Donnerstag, 23. Juni 2011
Die Stimmen mehren sich, dass Biosprit, Biogas und Holz keine niedlichen grünen Energien sind, wenn der Markt große Mengen verlangt. Dann wird aus der romantischen anscheinend nachhaltigen Energiequelle eine Industrie. Eine Industrie mit schlechter Gesamtbilanz: Wenig Nachhaltigkeit und mit ethischer Brisanz.

Die Vorteile von Bioenergie liegen auf der Hand


Ein Feuer kann mit geringem Aufwand entzündet werden. Der Baum, der das brennbare Holz liefert, ist von selbst gewachsen. Auch Pflanzenöle können mit geringem Aufwand hergestellt werden. Damit kann sogar ein Stromaggregat betrieben werden, welches die hochwertige elektrische Energie bereitstellt - Lampen, Kochplatten, Elektromotoren und Informationsdienstleistungen werden mit Strom betrieben.

Ein Stromaggregat, welches mit Pflanzenöl betrieben wird, kann die Gesamteffizienz einer kleinen ländlichen Gemeinde deutlich erhöhen: Nahrungsmittel können gekühlt werden und die hart erarbeitete Nahrung so weitgehend genutzt werden. Dann fällt der Teil der Nutzpflanzen, die zu Energie verarbeitet werden, kaum auf.

Von der Testphase zur industriellen Phase


Biogas ist seit vielen Jahrzehnten ein Thema. Man kennt vielleicht noch die Fotos von Pionieren, die in selbstgebauten Anlagen Biogas “gebraut” und in große Reifenschläuche gefüllt haben. An einem der Reifenschläuche hängt eine Gaskocher, auf dem ein Spiegelei in einer Pfanne bruzzelt. Romantik - und wichtige Pioniertaten. Es ging darum, die technische Machbarkeit zu demonstrieren.

Was aber passiert, wenn die Preise für Erdgas zunehmend steigen? Biogas kann - trotz aufwendiger Herstellung - konkurrenzfähig verkauft werden. Mit Pflanzenresten und Gülle alleine kann man aber kaum handelsfähiges Biogas in nennenswerten Mengen zu konkurrenzfähigen Preisen verkaufen. Also müssen hochwertige Ausgangsstoffe in den Biogas-Fermenter, den “Gärtank”: Die Nahrungsmittel Mais und verschiedene Getreide! Versehen mit einem Cocktail von Bakterien, die die eigentlichen Arbeiter in der Biogasanlage sind: Sie “verdauen” die Nährstoffe und scheiden dabei Methan (und Kohlendioxid) aus.

Billige Ausgangsstoffe haben Biogas, ebenso jedoch Biodiesel und Holz zu einem neuen Markt werden lassen. Also von einer zunächst eher subsistenzwirtschaftlichen Nutzung (= entspricht dem Wirtschaften zur Selbstversorgung) hin zu den heutigen großindustriellen Strukturen. Die EU-Richtlinien zum neuen Kraftstoffgemisch E-10 trägt weiter zu diesem industriellen Komplex bei, besonders zur Abnahme von Mais und Weizen. Beide Ausgangsprodukte sind gut für die Herstellung von Bioethanol geeignet, welches im E-10-Kraftstoff mit bis zu 10 Prozent enthalten ist.

Mangelhafte Nachhaltigkeit und ethische Brisanz


Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde, selten aber verstanden. Nachhaltiges (be)wirtschaften bedeutet, dass die entsprechenden Tätigkeiten so ausgerichtet sind, dass sie langfristig in diesem Maße weitergeführt werden können. Ein guter Förster, der sich im Jahre 1834 um ein Stück Wald gekümmert hat, hat Nachhaltigkeit verstanden und gelebt. Das Holz aus dem Wald war lebens-, ja sogar überlebenswichtig. Für den Bau von Häusern, Brücken, Möbeln, genauso aber auch für die Beheizung der Kochherde und Öfen. Dieser Förster hatte ein ureigenes Interesse daran, nur eine begrenzte Menge an Holz aus dem Wald zu schlagen. Die Menge, die das menschliche Überleben sicherte, aber genauso den Wald am Leben erhielt. Für das nächste Jahr, Jahrzehnt und vielleicht auch das nächste Jahrhundert.

Bioenergieträger sind nicht per se nachhaltig. Biomasse-Gewinnung im industriellen Maßstab, wie sie heute betrieben wird, ist keineswegs nachhaltig. Industrieunternehmen sind (und müssen es ja auch) an Gewinnen interessiert: Gewinnen in Form von Geld. Die Lebensdauer der Unternehmen beträgt oft nur 10 Jahre. So lange kann man Wälder, Felder und andere Flächen stark übernutzen, ohne dass es auffällt. Die Zeche wird erst nach 20 oder 30 Jahren bezahlt: Degenerierte Böden, Ausbreitung von Schädlingen in Monokulturen, usw.

Viel brisanter ist aber die heutige Situation: Auf landwirtschaftlichen Nutzflächen und in Wäldern werden einerseits Nahrungsmittel, andererseits Energierohstoffe gewonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind die Preise von Energie für das Autofahren und Nahrungsenergie für unser persönliches Überleben aneinander gekoppelt! Steigende Ölpreise führen zu einem starken Anreiz, Biosprit herzustellen. Dazu müssen neue Flächen in Beschlag genommen werden, die dann für den Nahrungsanbau fehlen.

Die teilweise massive Förderung von biogenen Energieträgern (= aus lebender Biomasse gewonnene Energieträger) muss daher nicht nur auf den Prüfstand, sondern abgeschafft werden. Es sei denn, eine Methode hat sich bei einer Überprüfung nach strengen Regeln der Nachhaltigkeit als geeignet erwiesen.

Schleichend zunehmendes Verständnis für die Probleme durch Bioenergie?


Langsam scheint dieses Thema auch dort anzukommen, wo diejenigen sitzen, die wesentliche Züge des Wirtschaftssystems auf unserem Planeten mitbestimmen. 20 Jahre zu spät. Aber vielleicht kann die humanitäre Katastrophe teurer Nahrungsmittel noch in einem frühen Stadium gestoppt werden.

Auch die Welthandelsorganisation hat sich an einem Report beteiligt, dessen Titel frei übersetzt “Preisschwankungen in Nahrungsmittel- und Agrarmärkten: Politische Antworten”. Dieser Bericht ist Vorlage für die aktuellen Verhandlungen der G-20 - G-20 steht für “Group of Twenty”, gegründet im Jahr 1999 zur Stabilisierung der Weltwirtschaft nach der asiatischen Finanzkrise des Jahres 1997.

Abzuwarten bleibt jedoch, was die Oberhand gewinnen wird: Der Kampf um Geld oder der Kampf um bezahlbare gute Nahrung.

Und es bleibt abzuwarten, dass folgendes verstanden wird ...

AUF EINEM QUADRATMETER LASSEN SICH PRO JAHR GEWINNEN:

- RAPSFELD: 1 kWh ENERGIE (CHEMISCH)

- MAISFELD: 3-4 kWh ENERGIE (CHEMISCH)

- PHOTOVOLTAIK: 150 kWh ENERGIE (ELEKTRISCH)

1 kWh = ca. 5 Minuten warm duschen  oder
         eine warme Mahlzeit für 4 Personen zubereiten.



Quellen im WWW


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