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System Erde: G8-Gipfel - warum das 2-Grad-Ziel bedeutungslos ist ...

Copyright by Michael Bockhorst Mittwoch, 08. Juli 2009
Auf dem G8-Gipfel in L'Aquila, Italien ist das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, beschlossen worden. Ist dies eine sinnvolle Zielsetzung?

Welche Auswirkungen hat eine Erhöhung der mittleren Erdtemperatur um 2 Grad?

Zunächst hat diese Veränderung im System Erde bedeutende Auswirkung in all den Gebieten, in denen Eis eine Rolle spielt und die Temperaturen zumindest zeitweise in der Nähe des Gefrierpunktes liegen. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob die Temperatur -1 Grad Celsius oder +1 Grad Celsius liegt. Eis oder nicht Eis lautet dann die Frage. Und Eis oder nicht Eis bedeutet, dass Sonnenlicht zu 20 Prozent oder zu 60 Prozent absorbiert wird. Die Aufnahme von Sonnenlicht wird also in weiten Bereichen des arktischen Meeres zeitweise um den Faktor 3 erhöht, wenn die Temperatur um gerade einmal 2 Grad ansteigt. Das ist eine dramatische Änderung für ein Teilsystem unseres Planeten!

2 Grad im Mittel können plus oder minus 10 Grad im Speziellen bedeuten!

Mittelwerte wiegen viele in trügerische Sicherheit. Wenn die Wirtschaft ein Minuswachstum (welche unsinniger Euphemismus!) von 1 Prozent hat, ist das nur für ganz wenige Unternehmen wirklich dramatisch. Aber manche Unternehmen haben 10 Prozent Schrumpfung (nennen wir es beim Namen), andere wiederum profitieren sogar noch von einem wirtschaftlichen Abschwung.

Genauso ist es mit den klimatischen Verhältnissen auf unserem Planeten. Schon jetzt wird in vielen arktischen Regionen ein Temperaturanstieg von 5-10 Grad gemessen, zumindest über lange Perioden des Jahres. Gemessen an den 2 Grad sind diese Änderungen hochdramatisch, gerade in diesem klimasensiblen Bereich.

Welche Kohlendioxid-Konzentration bedeutet 2 Grad Erwärmung?

Das weiß derzeit niemand. Darüber kann man also ausgiebig noch einmal 10 oder 20 Jahre diskutieren. So könnte sich der G8-Beschluss als Schuss in den Ofen erweisen. Ein Schuss mit Kohlenstaub in den heißen Ofen! Auch wenn wir noch so lange diskutieren: Unsere Erde ist ein hochkomplexes System, welches wir in Ansätzen zu verstehen lernen. Wir haben sozusagen den Dunst vom Schimmer einer Ahnung, was in diesem System abgeht: Die heutigen Klimamodelle behandeln viele Untersysteme gar nicht oder nur unvollständig. Besonders der Einfluss von Wolken und Eisbildung ist kaum verstanden.

Die Modelle werden zwar mit den gemessenen Klimaänderungen verglichen, aber Kipppunkte dürften in den heutigen Simulationen kaum auftreten. Kipppunkte sind die Zustände unseres Erdsystems, an denen es in einen neuen Zustand wandert und das recht schnell. Dazu ein Beispiel: Schmilzt der artkische Eisschild jedes Jahr im Sommer etwas stärker auf, als er im Winter wieder anwächst, wird die Absorption von Sonnenlicht auch immer stärker. Mehr Meer bedeute mehr Energieaufnahme. Die Arktis wird immer wärmer. Dieser Prozess schreitet zunehmend schneller voran, bis die Arktis eisfrei ist und sich ein vollkommen neues Klima in dieser Region eingestellt hat. Dieses Verhalten kann an einer bestimmten Schwelle der Temperatur einsetzen und innerhalb weniger Jahrzehnte einen Umbruch verursachen. Welche Auswirkungen dies auf die restliche Nordhalbkugel hat? Niemand weiß es.

Es gibt ein übergeordnetes Ziel ...

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das stimmt. Deswegen sollten wir uns keinesfalls in eine Panikstarre versetzen lassen. Aber Angst kann einen Ansporn liefern, endlich etwas gegen die Fehlentwicklung zu tun. Die Fehlentwicklung, dass wir es als Menschheit nicht schaffen, die Treibhausgasemissionen zu vermindern. Auch wenn wir Deutschen 17 Prozent der Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 reduziert haben. Was sind schon 80 Millionen gesättigte deutsche Bürger im Vergleich zu bald 7 Milliarden Menschen, von denen 5 Milliarden froh wären, wenigstens die Hälfte unseres (materiellen) Wohlstandes zur Verfügung zu haben? Diese 5 Milliarden wollen - zu Recht - Essen, Trinken, ein Haus, Mobilität, Gesundheitsvorsorge, Kultur und ein wenig Spaß darüber hinaus.

Es geht inzwischen nicht mehr um ein 2-Grad-Ziel. Es geht um viel mehr: Schließen wir einen Vertrag mit unserem Heimatplaneten. Wir greifen nicht länger so massiv in seine Integrität ein und sorgen damit für uns: Dass wir eine lebenswerte Zukunft haben! Und dabei ist der Klimawandel nur ein Symptom unserer Gier nach mehr und billiger. Gerodete Naturlandschaften, verödete Flächen von Kohle- und Erzmienen, verunreinigte Ozeane müssen auch bekämpft werden. Aber alles ist auf eine Ursache zurückzuführen: Wir haben nicht gelernt, hauszuhalten. Nicht mit Energie, nicht mit Rohstoffen, nicht mit Land, nicht mit Wasser und noch nicht einmal mit unserer Zeit.

Erst dann, wenn wir - jeder einzelne von uns - lernen, mit den uns geschenkten Ressourcen gut umzugehen, haben wir eine Perspektive, die über ein paar Jahrzehnte hinausgeht. Dann können wir auch ein 1-Grad-Ziel erreichen, ohne uns anzustrengen.

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