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Energie: Kernfrage: Atom oder Kohle oder ...?

Copyright by Michael Bockhorst Donnerstag, 11. Februar 2010

Die Einseitigkeit der Energiedebatte ist das eigentliche Drama. Die einen setzen sich für die Nutzung der Kernenergie ein, andere sehen eine Zukunft für "saubere" Kohle. Dabei wird eines übersehen: Weder Kernenergie noch Kohle haben Zukunft. Erneuerbare Energien sind die Zukunft, aber nur dann, wenn wir sie zukunftsfähig machen.

Sinnbild zu Problem der Entscheidungsfindung

Das Ausschlussverfahren

Das Ausschlussverfahren wird, selbst innerhalb der Wissenschaft, stiefmütterlich behandelt. Aber es ist ein wichtiges Verfahren, wenn man Ressourcen im Hinblick auf ein Ziel sinnvoll einsetzen möchte. Wir wollen es hier auf die Energielandschaft Deutschlands anwenden.

Kernenergie - ausgeschlossen

Kernenergie aus der Spaltung von schweren Atomkernen kann keine Zukunftsenergie sein. Dafür gibt es drei gute Gründe: Die Uranressourcen sind begrenzt. Die Handhabung der nuklearen Brennstoffe ist gefährlich, vor allem wegen der Gefahr eines möglichen Missbrauchs durch Terroristen oder terroristische Regime. Die Endlagerungsproblematik ist nicht gelöst.

Die Knappheit von Ressourcen und die Angst vor terroristischen Anschlägen betreffen uns persönlich, wir haben eine gewisse Vorstellung davon, was uns passieren könnte, wenn der Strom ausgeht oder uns eine Bombe trifft.

Das drängendste Problem, welches keine natürliche Beachtung findet, ist die Endlagerungsproblematik. Selbst dann, wenn man die Schachtanlage Asse nicht ausräumen würde, sind schädliche Auswirkungen kaum in den nächsten 20 oder 30 Jahren zu erwarten. Für viele Entscheider ist diese Tatsache nicht konkret bedrohlich.Hinzu kommt, dass die Endlagerung auf 100 000 Jahre zuverlässig durchgeführt werden muss. Solche Zeiträume sind unserer Erfahrung noch nicht einmal ansatzweise zugänglich.

Ob die Restlaufzeit der Kernkraftwerke alleine in Deutschland nun 32 oder 40 Jahre beträgt - dies ist nicht entscheidend für die Endlagerungs-Problematik. Die Endlagerung nuklearer Abfälle ist generell nicht lösbar! Einzig die Konvertierung des Atommülls in harmlose Isotope mit der Transmutation schafft hier die Lösung. Hier müssten wir endlich beginnen, die Suppe auszulöffeln, die wir uns eingebrockt haben.

Kohlekraftwerke - ausgeschlossen

Der Abbau von Kohle, besonders Braunkohle, bringt massive Landschaftsveränderungen mit sich. Lebensräume werden vernichtet: Für Mensch, Tier und Pflanzen.

Das bei der Verbrennung entstehende Kohlendioxid ist ein mäßig wirksames aber sehr langlebiges Treibhausgas. Es trägt dazu bei, dass der Strahlungshaushalt in unserem Lebensraum verändert wird. Damit nimmt es Einfluss auf das Klima unseres Planeten.

Die Frage, ob das Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken gesammelt und in entsprechenden Endlagerstätten sicher eingeschlossen werden kann, ist noch lange nicht beantwortet. Die Beantwortung entsprechender Frage wird viele Jahrzehnte benötigen. Kohlendioxid ist zwar nicht so hässlich wie Atommüll, aber in der entsprechenden Konzentration tödlich, wenn es aus den Endlagerstätten austritt.

Bei Kohlendioxid geht es auch nicht um ein paar hundert Tonnen, die jedes Jahr entsorgt werden müssen. Ein einziges großes Kohlekraftwerk mit 1 Gigawatt Leistung benötigt jede Stunde ca. 500 Tonnen Braunkohle und stößt dabei etwa 1500 Tonnen Kohlendioxid aus. Dies liegt in der Größenordnung der jährlich anfallenden nuklearen Abfällen aus allen Kernkraftwerken Deutschlands. Die Endlagerung von Kohlendioxid ist also neben dem Sicherheitsproblem vor allem ein Mengenproblem.

Erneuerbare Energien - derzeit ausgeschlossen

Erneuerbare Energien sind unsere einzige langfristige Energiequelle. Aber derzeit sieht es noch nicht so rosig aus:
  • Windenergie: Sie ist nur dann nutzbar, wenn auch tatsächlich Wind vorhanden ist.
  • Photovoltaik: Strom gibt es nur, wenn die Sonne scheint. Schon eine leichte Wolkendecke verringert die Stromerzeugung auf 10 oder 20 Prozent.
  • Solarthermie: Funktioniert gut, kann aber nur für die Warmwasserbereitung dienen und die Heizung unterstützen.
  • Oberflächengeothermie: Sehr aufwendig, kann für die Raumbeheizung unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein.
  • Wasserkraft: Der Bau großer Wasserkraftwerke ist ein massiver Eingriff in Biotope. Kleine Wasserkraftwerke können keinen nennenswerten Anteil an der Stromerzeugung leisten. Zudem braucht man Höhendifferenzen, also Berge - die gibt es in Norddeutschland z.B. nicht.
  • Tiefen-Geothermie: Sehr aufwendig, geringe Energiedichten. Nur ein kleiner Beitrag ist zu erwarten.
  • Energieträger aus Energiepflanzen: Nur geringer Beitrag zur Energieversorgung möglich. Biogas oder Biokraftstoffe der 2. Generation (Biomass-to-Liquid-Verfahren) erhöhen den Flächenertrag um etwa den Faktor 3 gegen Rapsöl, aber der Flächenertrag ist immer noch um ein Vielfaches geringer als z.B. bei Photovoltaik.
Fazit: Erneurbare Energien sind reif für eine teilweise Deckung des Energiebedarfs, aber nur im Zusammenspiel mit den Klassikern Kohle, Erdöl und Gas sowie dem Uran.

Das fehlende Element ...

Wenn wir so weitermachen, wie bisher: Ein entschiedenes Ja. In diesem Artikel wurden alle heute betriebenen Formen der Energiegewinnung als Langzeitoption ausgeschlossen. Gibt es dann überhaupt einen Ausweg? Gibt es die eine Antwort, die eine Lösung, die uns helfen kann?

Auch dazu ein entschiedenes Ja. Die Speicherung von Strom in Batterien oder Kondensatoren. Hier wird so mancher feststellen, dass wir dies schon können. Lithium-Ionen-Batterien finden sich in vielen Geräten, die wir heute wie selbstverständlich nutzen. Und sie haben eine hohe Zuverlässigkeit erreicht: Hohe Speicherkapazitäten, vernünftige Lebensdauern, geringe Selbstendladung haben Blei-, Nickel-Cadmium- und Nickel-Hydrid-Batterien mit all ihren Unzulänglichkeiten abgelöst. Kondensatoren mit mehreren Farad Ladungskapazität finden sich in jedem Fahradrücklicht mit Standlichtfunktion.

Aber hier sprechen wir von Geräten mit ein paar Milliwatt (Fahrradstandlich) bis zu einigen zehn Watt (Notebook) Leistungsbedarf. Nicht von Elektroautos mit 5 000 oder 50 000 Watt Leistungsbedarf oder gar Netzausgleichskapazitäten, die 1 Gigawatt (1 000 000 000 Watt) über mehrere Tage liefern können. Was in unserem Erfahrungsbereich gut funktioniert, reicht noch lange nicht, um variablen Wind- oder Photovoltaikstrom in einem nationalen oder kontinentalen Verbundnetz zu puffern.

Den gordischen Knoten der erneuerbaren Energien kann nur ein Schwert durchtrennen: Ein praktikabler Stromspeicher!

Wie kann Politik zu einer Lösung beitragen?

Wir haben die Lösungen noch nicht. Eben noch nicht. Da hilft nur eines: Die neuen Lösungen erdenken, Prototypen im Labor zu erforschen und funktionsfähige Produkte zugänglich machen.

Dazu werden viele Ressourcen benötigt: Zeit und Kreativität sowie Geld, Material und Energie. Wo kommt das Geld her, welches alle anderen Ressourcen freisetzen kann? Die Antwort: Die Formen der Energiegewinnung, die in die Sackgasse führen, allen voran die Kernenergie.

Insofern ist es nur logisch, dass der Fahrschein für eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernreaktoren seinen Preis hat. Wenn Kernenergie so billig zu produzieren ist, werden die Betreiber sich einer Abgabe kaum widersetzen. Und diese Abgabe sollte die Geldquelle für die Suche nach Alternativen sein. Wenn die Energieriesen es nicht selbst schaffen, die Gewinne in die Zeit nach Kohle und Kern zu stecken, muss der Staat es forcieren.

Die Pläne der aktuellen Regierung, genau diese Umlage einzuführen, sind daher zu begrüßen. Die aktuelle Diskussion um die Verlängerung der Reslaufzeiten ist einer der Lichtblicke in der Energiediskussion. Hier werden zum ersten Mal seit langem Visionen und Realpolitik zusammengeführt: Die Vision einer auf erneuerbaren Energien basierenden Vollversorgung und die realpolitische Nebenbedingung, dass der Weg dahin Geld kostet. Viel Geld.

Der Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, die Laufzeiten der Reaktoren von gegenwärtig 32 Jahren nur auf 40 Jahre zu erhöhen. Dies erscheint vielen CDU-Politikern und wohl auch Vertretern der Energieerzeuger zu wenig. Aber könnte es nicht sein, dass Herr Röttgen schlichtweg an einer guten Verhandlungsposition für die Debatte "Forschungsgeld gegen Reslaufzeit" interessiert ist? Wenn Herr Röttgen eine starke Verhandlungsposition hat, kann dies nur von Vorteil sein: Selbst die Wirtschaft würde profitieren, wenn Deutschland früh auf dem Markt für Stromspeicher mitmischen könnte. Und der Steuerzahler, weil sinnvolle Arbeit geschaffen wird und Sozialbeiträge in die Staatskassen fließen. Und die Energieerzeuger, die dann ihre Dinosaurier-Kraftwerke durch eine langfristig gewinnträchtige Infrastruktur ersetzen könnten:

Solarstrom PLUS Netzwerke PLUS Stromspeicher
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