BLOG auf www.energieinfo.de→Artikel

Politik & Soziales: Greenwashing - oder wirklich grün?

Copyright by Michael Bockhorst Donnerstag, 08. April 2010
Alles ist auf einmal grün. Wenigstens gibt es eine grüne Variante von Produkten und Unternehmen. Aber gibt es einen echten Wandel zu gesteigerter Umweltverträglichkeit?

Wofür steht grün?

Grün steht für umweltfreundlich. Aber können wir Menschen wirklich umweltfreundlich sein? Kaum. Wir können uns bestenfalls umweltverträglich verhalten. Wenigstens in einem gewissen Rahmen.

Dennoch sprießen grüne Unternehmen und grüne Produkte in den letzten Jahren aus dem Boden. Alleine eine grüne Verpackung suggeriert schon: "Ich bin ein umweltfreundliches Produkt."

Es ist jedoch zu hinterfragen, ob Zitronengras aus Indonesien oder eine Paprika aus Israel mit Biosiegel ein wirklich grünes Produkt darstellen. Wenn man den Energieaufwand des Transportes einbezieht, wird das Grün eher blass. Trotz Biosiegel.

Dennoch verkaufen sich grüne Produkte gut, sie sind ein neuer Markt geworden, der auch im Supermarkt präsent ist. Dies entspricht überhaupt nicht mehr dem, was sich die Urgrünen gedacht haben. Das sind diejenigen Menschen, die lange vor der grünen Partei angefangen haben, eine Einbindung des menschlichen Wirtschaftens in das System Erde zu fördern - als Beispiel möge der Demeter-Verband gelten. Die Demeter-Richtlinien (Link siehe unten) sind darauf ausgerichtet, die Umweltverträglichkeit in der Praxis zu optimieren. Und dies in einem ganzheitlichen Ansatz. Dazu gehört untrennbar auch Transparenz - so legt Demeter sein komplettes Regelwerk offen.

Gibt es eine Grüne Lobby?

Berater für "Grüne Anlagen" sagen: Nein. Was ist aber eine Lobby? Eine Lobby ist eine Interessenvereinigung, der Lobbyist ein Interessen-Vertreter für eine bestimmte Gruppe von Menschen.

Niemand wird bestreiten, dass es eine Lobby für die Nutzung der Kernenergie oder für die Kohle gibt. Aber eine Lobby für Photovoltaik? Der erste Schritt in das Verständnis von "Grün sein" oder "Greenwashing" führt über eine neutrale Sichtweise. Geld kann man mit Kernenergie und Solarstrom verdienen. In beiden Branchen gibt es Lobbyarbeit. Gesetze zur staatlichen (Direkt-)Förderung von Kernenergie, Gesetze zur (indirekten) Förderung des Solarstroms durch ein Umlageverfahren.

Lobbies gehören zu einem heutigen Wirtschaftssystem dazu. Es ist nur die Frage, wie eine Lobby arbeitet. Und hinter den Grundideen wird oftmals eine gute Absicht stecken. Kernenergie hat den Vorteil, grundlastfähig und CO2-neutral zu sein aber den Nachteil, dass mit hochgefährlichen radioaktiven Stoffen gearbeitet wird. Solarstrom hat den Vorteil, CO2-neutral zu sein und nur mit mäßig giftigen Stoffen zu arbeiten, aber den Nachteil, (noch!) nicht grundlastfähig zu sein.

Lobbyisten verschweigen die Nachteile, heben die Vorteile hervor. Sie vertreten eine Interessensgruppe. Fair wird dies, wenn mehr Transparenz geschaffen wird. Auf der Seite der Lobbies oder der Verbraucher.

Kann ich mich "grüner" verhalten?

Der erste Schritt muss der sein, dass jeder Bürger sich selbst fit macht, die Triebfedern der Lobbys und der Lobbyisten zu verstehen: Mehr Umweltverträglichkeit, mehr Profit, Politikbeeinflussung usw.

Der zweite Schritt muss darin bestehen, den Konsum neu zu gestalten, und dies in dem Sinne, dass verstanden wird, was konsumiert wird. Lernen, dass tropische Früchte, mit dem Flugzeug transportiert, ein vielfaches der Energie zu ihrer Bereitstellung benötigen, als Früchte, die mit dem Schiff transportiert werden. Verstehen, dass die vorwiegend regionale Beschaffung von Nahrungsmitteln Transportwege einspart und die lokalen Wirtschaftssysteme stärkt.

Der dritte Schritt besteht darin, langfristig wirksame und/oder eine große Zahl von Menschen betreffende Entscheidungen mit möglichst großem Durchblick zu treffen. Der Kauf einer neuen Heizung dreht sich dann nicht mehr um Brennstoff oder Kesselart, sondern um die Gebäudeheizung inklusive Isolation, solare Gewinne durch die Fenster und nachrangig um Heizungsanlage und Brennstoff.

Wenn wir als Konsumenten verstehen, worum es bei Produkten geht, können wir Greenwashing von echten "grünen", also umweltverträglichen Angeboten unterscheiden.

Wo sind die Grenzen?

Die persönlichen Genzen bestehen in dem, was wir für das körperliche und geistige Überleben benötigen. Mobilität ist Teil des Lebens. Und die Bio-Paprika aus Israel geht in Ordnung, wenn man im Winter so richtig Lust auf Paprika hat. Die Frage ist, wieviel Konsum uns zufrieden macht und ob ein darüber hinausgehender Konsum überhaupt noch eine Steigerung des Wohlbefindens ermöglicht.

Die irdischen Grenzen gibt und das System Erde vor. Wir haben ein begrenztes Pro-Kopf-Kontingent an Ressourcen. Pro Kopf gibt es nun einmal "nur" etwa 80000 Quadratmeter Erdoberfläche, von denen 20000 Quadratmeter Landfläche sind. Klingt viel, ist aber wenig: Auf diese Landfläche gibt es auch Eis, Fels, Wüste, die uns nicht ernähren. Auf dieser Landfläche wird anteilig Bergbau betrieben, Müll deponiert usw. Nur etwa 13000 Quadratmeter sind Wald-, Weide- und Ackerflächen. Eine Vorstellung von dieser Fläche kann man sich einfach verschaffen: Sie entspricht 2 dörflichen Fußballfeldern inklusive der Zuschauerbereiche.

Schauen wir uns die nationale Perspektive an: Der Deutsche hat im Schnitt ein knappes Fußballfeld für sich. Die Hälfte ist Acker, ein Drittel ist Wald. Auf dieser Fläche ließe sich kaum ein solch energieintensives Leben führen, wie wir es heute kennen! Nur durch Kohle, Öl und Gas können wir unseren Lebensstil noch(!) befeuern - das zeigt, dass wir uns entweder einschränken müssen oder neue Techniken vorantreiben müssen, etwa Solarstrom und wirtschaftliche Stromspeicher. Am wahrscheinlichsten müssen wir aber beide Maßnahmen ergreifen, um die Genzen des Systems Erde nicht zu sprengen!

Quellen im WWW

gesetzte Tags: , , ,

 

Navigation