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2002-03-02
UMWELT

Envisat - Eine Chance für Klarheit in der Klima-Diskussion?

Michael Bockhorst, 02.03.2002

Raumfahrt - Selbstzweck oder notwendige Technologie?

Vor gut vier Jahrzehnten begann mit Juri Gagarin die bemannte Raumfahrt und noch heute ist Raumfahrt, ob bemannt oder unbemannt, ein großes Abenteuer. Die frühe bemannte Raumfahrt, aus Sicht der damaligen Politik der waffenlose Kampf des kalten Krieges, hat letztendlich den Blick für die Schönheit der Erde, aber auch für ihre Verletzbarkeit geöffnet. Das dünne Häutchen der Atmosphäre bildet unseren Lebensraum, der inzwischen fast vollständig ausgeschöpft ist.

Raumfahrt wurde oft als unnütz, viel zu teuer bezeichnet. Häufiges Argument: Die Menschen sollen erst einmal ihre Probleme auf der Erde lösen, die sind schließlich teuer genug!
Die gleichen Kritiker sind aber dennoch froh, wenn sie wissen, wie morgen oder übermorgen das Wetter wird. Solche Wetter-Vorhersagen sind erst durch Erderkundungs-Satelliten möglich geworden, die das globale Wettergeschehen mit Bildern erfassen, die für die Wettervorhersage ausgewertet werden.

Seit 20-30 Jahren erkunden Satelliten die Erdoberfläche, zunehmend auch Daten der Atmosphäre. Zunächst lag der Schwerpunkt im zivilen Bereich auf der Vermessung von Ressourcen, etwa potentielle landwirtschaftliche Nutzflächen oder Rohstoff-Vorkommen; im militärischen Bereich war eine möglichst präzise Erkundung der Gelände und der Einrichtungen potentieller Gegner das primäre Ziel.
Durch die zunehmende Diskussion von Umweltbelastungen aus verschiedensten Quellen wurde der Einsatz von Satelliten zur Vermessung solcher Parameter immer wichtiger. Ob dies nun darum geht, Schiffe, die unerlaubt Öl ablassen, dingfest zu machen oder ob das Ozonloch vermessen wurde.

Mit der Diskussion um den Treibhauseffekt wurde zu Beginn der 80er Jahre zaghaft begonnen, spätestens jedoch mit der Klimakonferenz in Rio de Janeiro im Jahre 1992 wurde die Problematik der globalen Erderwärmung ein prominentes Thema in der Tagespresse. Nachdem jedoch die Folgekonferenzen nur relativ bescheidene Ergebnisse hervorgebracht haben, ist das Thema wieder in das Rauschen der vielen Nachrichten-Meldungen herabgerutscht.
Dies liegt wohl kaum daran, daß dieses Thema nicht mehr bedeutsam ist, sondern dies kommt vielmehr daher, daß der vom Menschen verursachte zusätzliche Treibhauseffekt kontrovers diskutiert wird: Jeder vorsichtige Mensch würde am liebsten dafür sorgen, daß möglichst wenig Kohlendioxid emittiert wird, während jemand, der von dem Verkauf fossiler Brennstoffe oder - wie wir alle - von günstigen Energiepreisen profitiert, den Treibhauseffekt lieber herunterspielen dürfte. Auch eingefleischte Atomkraft-Gegner kommen in Not, wenn die Auswirkungen des Treibhauseffektes zu der Erkenntnis führen, daß Kernkraftwerke vielleicht doch sinnvolle und vergleichsweise umweltfreundliche Energieerzeuger sein könnten.

Erst dann, wenn man Ordnung in das noch recht wirr erscheinende Geflecht von Faktoren, die das Erd-Klima bestimmen, bringt, wird eine klare Aussage gemacht werden können, wie die Zusammenhänge sind: An welchen Stellen verursacht der Mensch auf welche Weise Klimaveränderungen und in welche Richtung gehen sie.
Wäre der Zusammenhang zwischen globaler Erderwärmung und der vom Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen, der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit existiert, von Wissenschaftlern und Politikern aller Nationen akzeptiert, wäre eine Einigung auf weitreichende Klimaschutz-Maßnahmen im Rahmen der Klimakonferenzen kaum ein Problem.

ENVISAT als Silberstreif am Himmel?

Der neue Erderkundungs-Satellit ENVISAT, der am 28.2.2002 in French Guyana von der ESA gestartet wurde, ist mit einer umfangreichen Sensorik ausgestattet, die genau den genannten sowie anderen Fragen des Umwelt-Zustandes und der Umwelt-Veränderungen nachgehen kann.
Der polare Orbit von ENIVSAT gewährleistet, daß die gesamte Erdoberfläche betrachtet werden kann und alle drei Tage vollständig überstrichen wird. Alle Instrumente haben eine hohe räumliche Auflösung. Dadurch können die Messungen also vollständig und mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung durchgeführt werden!

ENVISAT hat zehn verschiedene Instrumente an Bord, die klimabestimmende Faktoren vermessen können: zum Beispiel die Ausdehnung von Eisflächen in den polaren Regionen, Wolken, ortsaufgelöste Messungen der Wasserdampf-Konzentration, Konzentrationen verschiedener klimarelevanter Gase, der vertikalen Durchmischung der Atmosphäre und andere. Dazu kommen Möglichkeiten, Komponenten des globalen Kohlenstoff-Kreislaufs zu messen, etwa die ortsaufgelöste Bestimmung der Verteilung pflanzlicher Biomasse, ihres Feuchtigkeits-Gehalts oder ihres Gesundheits-Zustandes. Auch die Verfrachtung verschiedener Stoffe mit der Atmosphäre kann beobachtet werden. Dazu gehören industrielle Schadstoffe, Staubstürme, Rauch aus Waldbränden usw.

Die ENVISAT-Mission, die auf eine Meßzeit von 5 Jahren angelegt ist, "verschlingt" die ungeheuer erscheinende Summe von etwa 2.3 Milliarden Euro ... aber: bei 500 Millionen Euro pro Jahr und 350 Millionen europäischen Bürgern sind dies gerde mal 1.50 Euro pro Person und Jahr. Im Vergleich zu anderen Ausgaben, die durch Steuern gedeckt werden, eine geradezu vernachlässigbare Summe!
Und nicht zu vergessen, daß die Ergebnisse der ENVISAT-Mission mit Sicherheit dazu führen werden, daß wir Menschen sorgfältiger mit den natürlichen Resourcen umgehen werden, was wiederum die Lebensqualität sehr vieler Menschen verbessern und viele Menschenleben retten wird.

ENVISAT erlaubt ein globales "Monitoring" von Umweltparametern, weshalb die Mission auch wesentlich weitergehende Folgen haben kann: Stellt sich heraus, daß die zusätzliche globale Erwärmung mit Sicherheit durch den Menschen verursacht wird, besteht eine gute Chance, daß sich alle Industrienationen zusammensetzen und eine substanzielle Reduktion der Treibhausgas-Emissionen vereinbaren. Und diese auch einhalten!

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