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2004-11-19
UMWELT

Kondensstreifen: Silberstreifen am Horizont ...

Michael Bockhorst, 19.11.2004

Vor 30 Jahren war ein Kondensstreifen am Himmel noch ein Kuriosum, welches man fasziniert beobachtet hat. Heute ist ein gnadenlos blauer Himmel eine Seltenheit. Viele Kinder, die in den dicht besiedelten Gegenden der Erde leben, werden kaum mehr einen schönen blauen Himmel kennenlernen, kaum ein Erwachsener hat die Zunahme dieser künstlichen Wolken in den letzten Jahrzehnten registriert.
Es gibt zwei Standpunkte: Einmal den ästhetischen, auf der anderen Seite den des Eingriffes in natürliche Abläufe in der Biosphäre.

Man stelle sich nur vor, heutzutage einen Ort aufzusuchen, an dem man Natur pur erleben kann -- schon seit Jahrzehnten ein Ding der Unmöglichkeit. Wenigstens konnte man sich noch auf den Rücken legen und in den reinen blauen Himmel schauen. Aber diese letzte Chance ist in den letzten 20 Jahren verbaut worden: Immer häufiger ist der Himmel von einem Muster mit weißen Streifen durchzogen, die sich im Laufe des Tages manchmal auflösen können, meist jedoch den Himmel mit dünnen Wolken oder einen hohen Dunstschleier bedecken.
Und des Nachts ist es auch nicht viel besser: Den Sternenhimmel verzieren kleine weiße Punkte, die majestätisch über das Firmament ziehen. Ist es bewölkt, verunzieren weiße Lichtkleckse aus Hochhäusern und Gebäuden, die ihnen nacheifern, die Wolken.

Der Aspekt des Eingriffes in die natürliche Umgebung des Menschen ist bei weitem nicht so augenfällig, wie die ästhetischen Gesichtspunkte, aber nach heutigem Wissen der sehr viel problematischere Aspekt.
Wasserdampf beeinflußt den Strahlungshaushalt in der Erdatmosphäre maßgeblich: Wasserdampf ist ein Treibhausgas. Es ist sogar das wichtigste Treibhausgas, weil Wasser auf der Erde überall in gigantischen Mengen vorkommt. Allerdings entstehen durch Wasserdampf, der in großen Höhen zu feinen Wassertröpfchen kondensiert, Wolken, die Licht reflektieren und damit Strahlung von den tieferen Schichten der Atmosphäre fernhalten -- an bewölkten Tagen ist es normalerweise kälter, als ohne Wolken. Wolken behindern gleichermaßen, daß Wärme vom Erdboden in das All abgestrahlt wird -- in klaren Nächten wird es viel kälter als bei bedecktem Himmel.
Kondensstreifen sind nichts anderes als künstliche Wolken, die durch Flugzeuge, die in der entsprechende Höhe der Stratosphäre fliegen, verursacht werden.

Wie kann man Kondensstreifen vermeiden?
Nicht fliegen ist der einfachste und klarste Weg. Aber Mobilität läßt sich in unserer Gesellschaft wohl kaum einschränken, jedenfalls nicht ohne Murren von Wirtschaftsunternehmen und der Bevölkerung. Ohne billigen Flugverkehr für Ananas und Tomaten oder wochenendtrip-süchtige Urlauber würde für viele der Wohlstand sinken, ganze Wirtschaftszweige wären betroffen.
Nach dem Nicht-Fliegen kommt das Anders-Fliegen: Durch eine Verringerung der Flughöhe könnten die Kondensstreifen vermieden werden, allerdings würde der Verbrauch geringfügig steigen, weil der Luftwiderstand in der geringern Flughöhe durch die dichtere Atmosphäre größer ist.
Der dritte Weg ist die Einführung vollkommen neuer Technologien, die keinen Wasserdampf und keine anderen Kondensationskeime freisetzen -- solche Flugzeuge könnten die Bildung von Kondensstreifen im Ansatz vermeiden. Aber nach heutigem Wissen um technische Möglichkeiten kämen dafür wohl nur leichte Kernreaktoren in Frage, etwa nach dem Prinzip des Gasphasenreaktors. Und das kann keiner wollen!

Es bleibt zu hoffen, daß die Menschen wenigstens ab und zu einmal in den Himmel schauen und sich bewußt machen, das diese Streifenmuster eine Folge der modernen (?) Mobilität sind und nicht der Naturzustand!