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2004-11-20
KLIMA

Zwischen Klimawandel und Klimakatastrophe ...

Michael Bockhorst, 20.11.2004

Zunächst einige Definitionen:
Das Klima ist der langjährige Mittelwert einzelner Wettererscheinungen.
Klimawandel ist die langsame Änderung des Klimas, etwa durch die Änderung der von der Sonne eingestrahlten Leistung oder durch eine Veränderung des Strahlungshaushalts der Erdatmosphäre.
Eine Klimakatastrophe ist die plötzliche Änderung des Klimas, etwa durch das Versagen des Golfstroms -- ein vieldiskutiertes Szenario.

Die Grafik zeigt die Auswirkungen einer globalen Erwärmung auf die verschiedenen Regionen der Erde.

Ein langsame Klimawandel erscheint kalkulierbar, etwa der langsame Anstieg der weltweit gemittelten Temperatur auf der Erdoberfläche. Jedes Jahr 5 hundertstel Grad Celsius Temperaturanstieg machen 1 Grad in 20 Jahren. Naiv gedacht: Was macht schon 1 Grad Celsius? Aber auch ein langsamer und steter Wandel der Temperatur kann zu katastrophalen Ereignissen regionalen oder nationalen Ausmaßes führen.

Lebewesen breiten sich so weit aus, wie es für ihre Art genug Ressourcen gibt: Nahrung, Geschlechtspartner, geringe Anzahl von Freßfeinden. Steigt die Temperatur auch nur um ein halbes Grad Celsius, kann der Lebensraum ausgeweitet werden. Höhere Temperaturen bedeuten weniger Energieaufwand zum Erhalt der Körperfunktionen, dies wiederum erlaubt es, dieser Tier- oder Pflanzenart auch Regionen zu erobern, die weniger Nahrung bereithalten. Die Minier-Motte, die seit einigen Jahren die Kastanienbäume in Deutschlands Großstädten ruiniert hat, ist ein gutes Beispiel: Sie konnte sich in Deutschland ausbreiten und vermehren, ganz ohne natürliche Feinde. Selbst der Mensch mit seinen Kenntnissen um physikalische und chemische Schädlingsbekämpfung steht machtlos vor den schon im Spätsommer kahlen Bäumen! Nun stelle man sich vor, die Energieversorgung würde in hohem Maß von speziellen Energiepflanzen abhängen und ein Schädling würde dies befallen können -- damit könnte eine ganze "`Energieernte"` wegfallen: Eine Versorgungskrise mit katastrophalem Ausmaß wäre die Folge. Selbst ein langsamer Klimawandel kann also katastrophale Folgen für große Regionen haben.

Eine Folge des langsamen Klimawandels kann aber auch eine Klimakatastrophe globalen Ausmaßes sein. Ein langsamer Temperaturanstieg kann beispielsweise den arktischen Eisschild auf der Nordhalbkugel ausdünnen. Dies ist keineswegs eine Spekulation sondern beruht auf Beobachtungen, die zeigen, daß die Dicke das arktischen Eisschildes in den letzten Jahrzehnten um 40 Prozent herabgesetzt wurde! Dabei hat sich die Fläche des Eisschildes nur um wenige Prozent vermindert. Die Fläche ist aber entscheidend, wieviel Licht reflektiert wird, und je mehr Licht reflektiert wird, desto kälter bleibt es in der Arktis. Wird der Eisschild jedoch soweit dünn, daß ein Sommer reicht, ihn um einige zehn Prozent zu dezimieren, erwärmt sich das arktische Meer so stark, daß es im Winter auch nur noch in geringem Maße zufrieren wird. Dies hat zur Folge, daß die Arktis sich plötzlich viel schneller erwärmt und der Golfstrom mit Sicherheit zum Erliegen kommt! Damit wäre es in Norwegen innerhalb eines Jahrzehntes etwa 10 Grad kälter, in Deutschland würden die mittleren Temperaturen innerhalb des gleichen Zeitraumes um einige Grad sinken.

Man könnte sich fragen, was einige Grad bedeuten! Macht dies wirklich so viel aus? Einige Grad Temperaturunterschied machen eine Menge aus: Sie entscheiden, ob eine effiziente Landwirtschaft betrieben werden kann oder nicht! Ein Versiegen des Golfstromes würde unweigerlich zu einem Erliegen der reichhaltigen Kornkammern und Gemüsegärten führen.
Und damit ist es nicht genug, denn eine Erwärmung der Permafrostböden in Sibierien und anderen arktischen Regionen würde Methangas freisetzen, was wiederum als Treibhausgas die Atmosphäre aufheizt, wiederum zu vermehrter Methangasfreisetzung führt ... ein Teufelskreis!

Was haben Klimaänderungen mit uns zu tun? Es ist ja schließlich ein globales Problem ...?! Nach allem, was wir heute wissen, ist es unsere Lebensweise, damit ist die Lebensweise in den hochindustrialisierten Staaten gemeint, die dazu führt, daß Systeme, die sich in Jahrmillionen eingespielt haben, im Zeitraum von Jahrzehnten verbogen und destabilisiert werden.

Die Erde wird nach einer Klimakatastrophe sicherlich in einem -- nach ihrer Perspektive -- kurzen Zeitraum von einigen hundert Jahren wieder zu einem neuen Gleichgewicht finden. Aber ob Vertreter der Art Mensch dieses Gleichgewicht noch erleben werden, ist fraglich!