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2005-10-02
KLIMA

Sturmzeit

Michael Bockhorst, 02.10.2005

Der Höhepunkt der Hurricane-Saison ist in den Vereinigten Staaten gerade zu Ende gegangen, zwei Drittel der zu erwartenden Stürme gerade mal vorbei. Und schon ist die Namensliste bei Stan angekommen. Noch vier Stürme und es werden zum ersten Mal in der Geschichte der Hurricane-Observation -- seit über 150 Jahren -- griechische Buchstaben als Bezeichnung für Hurricanes vergeben. Diesen Rekord werden wir diese Hurricane-Saison wohl erreichen.

Neben über tausend Toten und Millionen von Obdachlosen hinterläßt diese Saison auch den bitteren Beigeschmack, daß wir auch heute -- trotz aller modernen Technik -- nicht in der Lage sind, solch extreme Wetterlagen zu handhaben. Und die Bewältigung der Folgen ist auch kaum möglich, wie die Probleme bei der Rettung von Personen in New Orleans nach dem Hurricane Katrina gezeigt haben.
Katrina war eine Warnung, ein Schuß vor den Bug, weshalb bei dem nur 4 Wochen später an Land gekommenem Hurricane Rita die Evakuierung ernster genommen wurde.
Und in beiden Fällen hatten sich die Wirbelstürme, kurz bevor sie an Land gingen, noch etwas abgeschwächt und sind nicht direkt über die Großstädte gefegt.

Neben den schweren Verwüstungen wurde auch die globale Versorgung mit Erdöl, mehr noch mit Erdölprodukten wie Benzin, Kerosin und Diesel, empfindlich gestört. In einer knappen Versorgungslage, in der Förderung, Raffineriekapazitäten und Nachfrage gerade so eingespielt sind, ist es kaum verwunderlich, daß es weltweite Auswirkungen einer regionalen Katastrophe gibt.

Kann man diese schwere Sturmsaison mit dem Klimawandel in Verbindung bringen? Treiben wir den Klimawandel durch unseren maßlosen Umgang mit fossilen Brennstoffen wirklich voran?
Diese Fragen sind nicht mit wissenschaftlicher Empirie zu belegen. Jedenfalls nicht 100-prozentig, schließlich müßten wir das Experiment noch einige Jahrzehnte weiterlaufen lassen. Aber können wir uns das noch leisten?

Hier geht es um die Frage, ob wir aufgrund einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit von 90 oder 99 Prozent, daß es zu einem Klimawandel mit globalen schweren Folgen kommt, unser Verhalten ändern -- oder, ob wir noch 10, 20 oder 50 Jahre warten, bis die Wahrscheinlichkeit 99.5 oder 99.9 Prozent ist, daß es unsere Emissionen sind, die den Klimawandel mit seinen Folgen befeuert haben?

In Deutschland wurde vor einigen Jahren der Ausstieg aus der Kernenergie proklamiert, auch Atomkonsens genannt. Kernenergie gilt als zu gefährlich. Aber wie hoch sind die Risiken wirklich? Wie schwer ist das Schadensausmaß wirklich, falls ein Kernkraftwerk havariert? Könnte man Kernkraftwerke nicht so sicher bauen, daß Proliferation und Endlagerung die letzten Probleme sind? Es gibt Möglichkeiten, Kernreaktoren inhärent, d.h., aus sich heraus, sicher zu machen -- Stichwort Hochtemperatur-Reaktor. Dazu kommen Ansätze, Proliferation und die Endlagerung unmöglich bzw. unnötig zu machen. Risiken bleiben selbst bei einer gut gemachten Kernenergienutzung, aber sie sind klein, sowohl von ihrer Wahrscheinlichkeit wie auch von ihrem Ausmaß. Denoch sind Kernenergie und radioaktive Strahlung ein Horror, der fast tabuisiert wird. Und der Atomkonsens ist so etwas wie die rosarote nationale Brille, die die 400 weltweit betriebenen Reaktoren oft schlechteren Standards unsichtbar macht. Die Diskussion ist weg.

Der Klimawandel ist heute schon ein nahezu sicheres Ereignis, daß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu katastrophalen Ereignissen führen wird, die letztendlich uns alle betreffen, ob direkt -- durch Stürme, Dürren, Überschwemmungen -- oder indirekt, weil für uns wichtige Ressourcen aus betroffenen Ländern nicht mehr geliefert werden können.
Dennoch scheint es eine abstrakte Debatte zu sein. Obwohl die Folgen des Klimawandels viel konkreter sind, als die Debatte um eventuelle Reaktorunfälle. Überflutungen, Starkniederschläge, nie gesehene Wetterkapriolen suchen auch Deutschland heim, ein Jahrhundert-Rekord jagt den nächsten.

Wer diese Zeichen nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, und sich auf das Restrisiko verläßt, daß der Klimwandel doch nicht stattfindet, hat entweder die Sturmzeichen noch nicht erkannt oder hat ein Interesse, die Zeichen nicht wahrnehmen zu wollen ...