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2006-01-08
ENERGIETECHNIK

Artikel: Frankreich wirft Auge auf Generation-IV-Reaktoren

Michael Bockhorst

Laut einer Pressemitteilung des CEA - Centre Energie Atomique - werden Generation-IV Reaktoren eine wesentliche Rolle in der Entwicklung neuer Kernspaltungsreaktoren spielen.

Frankreich bezieht etwa 70 Prozent seines Stroms aus Kernkraftwerken, ein weiterer Ausbau der Kernenergie ist wahrscheinlicher als ein Ausstieg. Es ist also nicht verwunderlich, dass Frankreich weiterhin auf Kernenergie fuer die Stromerzeugung setzt. Derzeit sind in Frankreich hauptsaechlich Generation-II-Reaktoren in Betrieb, die den in Deutschland ueblichen Systemen weitgehend entsprechen. Sie zeichnen sich durch eine relativ hohe Betriebssicherheit aus, allerdings mit dem Nachteil, dass sie durch technische Vorrichtungen moeglichst sicher gemacht werden. Ein Unfall ist damit zwar sehr unwahrscheinlich, aber moeglich. Zudem ist der Cocktail radioaktiver Spaltstoffe und weiterer, durch Neutronenbeschuss aktivierter Isotope nur unter massivem Aufwand und hohen Risiken zu "Entsorgen".

Die Luecke zwischen Generation-II- und Generation-IV-Reaktoren fuellen die Generation-III-Reaktoren aus, die durch konstruktive Massnahmen einen Kernschmelz-Unfall mit schweren Folgen ausschliessen. Aber das Problem der endzulagernden nuklearen Abfaelle bleibt weiterhin vorhanden. Ein Beispiel fuer einen solchen Kernreaktor ist der EPR - European Pressurized Reaktor -, der in einer ersten Anlage derzeit in Finnland gebaut wird.

Generation-IV-Reaktoren basieren auf dem seit Ende der 1950er in Deutschland untersuchten Reaktortyp des Hochtemperatur-Reaktors. Er zeichnet sich durch hohe Arbeitstemperatoren von 900-1200 Grad Celsius aus und durch die Verwendung sehr hoch angereicherten Urans. Als erster Prototyp-Reaktor wurde in Deutschland mitte der 1980er Jahre der THTR-300 in Betrieb genommen, dessen Brennelemente zusaetzlich Uran-233 aus Thorium-232 erbrueteten. Dieser Kernreaktor erlaubte einen elektrischen Wirkungsgrad von 40 Prozent - im Vergleich zu den 30 Prozent, die bei den Generation-II- und Generation-III-Reaktoren das Maximum sind.

Zur gleichen Zeit wurde das Konzept des HTR-100 entwickelt - ein Kernreaktor, der in jeder Hinsicht eine hohe Eigensicherheit verkoerperte, die eine Kernschmelze ausschliesst. Die relativ geringe Leistung eines Reaktors haette auch den Ausbau einer dezentralisierten Kernkraftwerks-Landschaft ermoeglicht, mit den Vorteilen, dass dieser Kernreaktor keinen Fluss zur Kuehlung benoetigt, Kraft-Waerme-Kopplung wirtschaftlich moeglich gewesen waere und die elektrischen Wirkungsgrade bis etwa auf 50 Prozent gesteigert werden koennten. Eine Einfuehrung dieses Reaktortyps und entsprechender mittelgrosser Kraftwerke haette 1995 stattfinden koennen. Die Infrastruktur zur Strom- und Waerme-Verteilung waere damit auch an eine zukuenftige Stromversorgung mit erneuerbaren Energien bestens angepasst gewesen: ein flaechendeckendes Netz mittelgrosser Strom- und Waermeerzeuger.
Ein weiterer Vorteil dieser Kernreaktoren ist die hohe Arbeitstemperatur: Industrieprozesse, die derzeit auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, koennten mit diesen Reaktoren ängetrieben" werden. So auch die aufwendige Dioxin-Vernichtung bei hohen Temperaturen - derzeit wird Dioxin, welches unter ueblichen Bedingungen absolut stabil ist, mit Beton vermischt in alte Bergwerksschaechte gepumpt. Eine ueberdenkenswerte Praxis der Endlagerung.


Kommentar
Es ist zumindest aergerlich, das 20 Jahre ins Land gegangen sind, ohne wenigstens in Protoyp-Anlagen eine Technologie experimentell weiterzuentwickeln, auf die wir innerhalb von 10 Jahren zurueckgreifen haetten koennen. So werden wir eher 30 Jahre brauchen, bis diese Technologie eingefuehrt werden kann.
Ideologische Debatten, durch kurze Wahlperioden beguenstigte Kurzsichtigkeit der Politiker und eine gewisse Traegheit bei den meisten Buergern, sich mit dem Thema "Energieversorgung in der Zukunft" zu beschaeftigen haben zu einer kritischen Situation gefuehrt: Man setzt derzeit eher auf die Monsterreaktoren EPR, die in 1600 Megawatt-Einheiten eine stark zentralisierte Stromerzeugung propagieren.
Deutschland hat sich inzwischen - mit proklamiertem Atomausstieg und abgestorbener Nuklearforschung - vollstaendig ausgeklinkt, aus dem Prozess einer Suche auch nach nuklearen Zutaten zum Energiemix. Nun gibt es nur noch die Flucht nach vorne: Erneuerbare Energien, die wirklich funktionieren, also weder Wind noch Sonne alleine, und zumindest die Beteiligung an der Entwicklung von Generation-IV-Reaktoren, die schliesslich auch durch deutsches Engagement in der Kernforschung in der Mitte der 1950er Jahre begonnen wurde!

Links:
Pressemitteilung der CEA (franzoesisch)

Links auf www.energieinfo.de:
AVR (Atomversuchsreaktor)
Hochtemperaturreaktor