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2006-11-03
KLIMA

Artikel: Der Klimawandel ist nicht das eigentliche Problem ...

Wir haben kein Problem, daß Klimawandel heißt. Wir haben ein Energieproblem: Wo bekommen wir Energie in ausreichender Menge her, ohne weitere Kohlendioxid-Emissionen zu erzeugen. Dies ist das entscheidende Problem.

Michael Bockhorst

Der Energiegipfel in Nairobi bringt das Thema Klimawandel wieder auf die mediale Tagesordnung. Aber auf welche Weise? Der Tenor lautet: Klimawandel ist ein wirtschaftliches Problem und auch eine Chance.

Das der Klimawandel ein volkswirtschaftliches Problem ist, ist sicher. Die Änderungen des Klimas kosten: Deichanlagen oder wetterfeste Häuser, etc.
Aber der Klimawandel spült gleichsam Geld in die Kassen von Unternehmen. Eben für den Bau von Deichanlagen und die Konstruktion angepaßter wetterfester Häuser.

Ja es gibt sogar einen doppelten Profit. Etwas salopp formuliert verdient man erst am Kohlestrom, 50 Jahre später an der dann eisfreien Arktis, die lukrative Erdöltransporte von der Barentssee nach Europa und Nordamerika per Öltanker zuläßt. Oder Merlot kann an den Südlagen der dann 30 Meter hohen Deiche Ostfrieslands angebaut werden. Sind das vielleicht die Chancen des Klimawandels, von denen einige sprechen?

Wenn von Chancen die Rede ist, dann meist nur im Zusammenhang mit der Anpassung an den Klimawandel, der bereits gebucht ist und immer noch durch unsere kohlendioxid-intensive weiter verstärkt wird. Aber dies sind Chancen nach dem Muster

"Laß den Menschen zahlen, damit wir ihn krank machen, lass ihn dann zahlen, damit wir ihn wieder gesund machen; aber nicht zu gesund, damit wir länger therapieren können".

Die einzige Chance, die man aus dem Klimawandel herausarbeiten könnte, ist ein Paradigmenwechsel unseres Umgangs mit Energie: Wir müssen begreifen, dass wir entweder sehr viel weniger Energie umsetzen dürfen, Kernenergie wiederbeleben und damit fossile Energien ersetzen oder aber die erneuerbaren Energien in dem notwendigen Ausmaß nutzbar machen. Von letzterem sind wir noch meilenweit entfernt: Wind und Photovoltaik sind als solche weder grundlastfähig noch gibt es derzeit nennenswerte Speicherkapazitäten und -systeme für elektrischen Strom. Kernenergie ist tabu und eine Selbstbegrenzung auf -- etwa für uns Deutsche -- des Energieumsatzes auf ein Drittel gesellschaftlich/politisch nicht durchsetzbar.

Wahrscheinlich muessen wir uns einschränken und die Kernenergie als Brückenschlag zu einer regenerativen Energiewirtschaft für einige Jahrzehnte ausbauen und endlich anfangen, massiv im Bereich der Speichertechnik für Strom und Umwandlungstechniken zur Kraftstoffherstellung aus Solarenergie forschen. Nur dann können wir das wirkliche Problem, unsere derzeitige von Kohle, Erdöl und Erdgas dominierte Energieversorgung, lösen, indem wir sie ersetzen.

Diese, auf eine Vermeidung von Problemen ausgerichtete Strategie ist die einzige Chance, den Klimawandel aufzuhalten. Aber erst 30 oder 50 Jahre, nachdem eine kohlendioxid-neutrale Energieversorgung etabliert wurde. Bis dahin werden wir sowieso noch ein gerüttelt Mass an Anpassungsarbeit leisten muessen, um die Dejustierung des Systems Erde auszugleichen.

Die Klimakrise ist also in ihrem Kern eine Energiekrise, an der jeder von uns mitgestaltet und mitwirkt. Und dieser Teil der Energiekrise ist viel gefährlicher als eine massive Versorgungskrise, die zwar in 30 oder 50 Jahren auf uns zukommen mag, aber in der wir noch nicht so tief drinstecken wie in der Klimakrise.