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2006-11-05
ENERGIETECHNIK

Artikel: Stromausfaelle bald an der Tagesordnung?

Es entsteht zunehmend der Eindruck, dass die Stabilitaet der Stromversorgung immer schlechter wird. Der Stromausfall vom 4.11.2006 um ca. 22:10 unterstuetzt diesen Eindruck.

Michael Bockhorst

Was hat sich in den letzten 15 Jahren im europaeischen, besonders im deutschen Stromnetz veraendert?

  • Der Anteil erneuerbarer Energien, die besonders starken Schwankungen unterliegen, hat sich dramatisch erhoeht. Besonders die Windkraft hat mit ihrem hohen Erzeugungspotential von etwa 17 Gigawatt Spitzenangebot eine hohe Variabilitaet in die Stromerzeugung gebracht, die durch andere Kraftwerke aufgefangen werden soll, aber oft nicht kann.
  • Im Zuge der Liberalisierung der Strommaerkte werden Verantwortlichkeiten zwischen Erzeugung und Netzbetrieb zunehmend getrennt. Der Produktionsprozess liegt damit nicht mehr in einer Hand: Dies leistet einer Verantwortungsdiffusion Vorschub, keiner war es so richtig gewesen, wenn es schief geht.
  • Extreme Wetterlagen und der zunehmende Einsatz von Klimaanlagen, auch im Privatbereich, fuehren zu neuen zeitlichen Strombedarfsmustern und erhoehten Spitzenlasten.
  • Die technische Infrastruktur, die nach dem Krieg weitgehend neu aufgebaut wurde, ist auf Bedarfsmuster des 20. Jahrhunderts angelegt und unterliegt einem Alterungsprozess. Investitionen zur Anpassung und Instandhaltung der derzeitigen Infrastruktur sind unerlaesslich.


Die Windenergie oder mangelnde Investitionen seitens der Stromerzeuger direkt an den Pranger zu stellen, ist falsch.

Durch die Notwendigkeit, erneuerbare Energien im grossen Massstab einzufuehren, ist das heutige Stromnetz viel komplizierter zu betreiben als noch vor 15 Jahren. Der Windenergie-Boom, angefacht durch das Energieeinspeisegesetz aus dem Jahre 1991, wurde nicht von einer forcierten Entwicklung neuer, besser neuartiger Speichersysteme flankiert. Dieser Fehler macht sich heute bezahlt.

Natuerlich kann man erwarten, dass die Unternehmen in neue Speicher investieren -- aber da gibt es einen Haken: Es gibt keine stark skalierbare Speichertechnologie, die wenig Raum/Flaeche beansprucht, ohne giftige Stoffe arbeitet und dabei auch noch wirtschaftlich ist. Der weitere Ausbau von Pumpspeicherwerken waere eine oekologische Suende und bei Wasserstoff bleibt es bei einem Wunschtraum.

Bleibt zu hoffen, dass Regierungen und Unternehmen die richtigen Entscheidungen fuer die notwendigen FuE-Arbeiten zur Entwicklung neuer Speichertechniken entwickeln. Und dass wir Buerger bereit sind, auch etwas mehr fuer Strom zu zahlen, wenn er teurer gewonnen werden muss, solange wir nicht ueberzogene Gewinnmargen der Stromanbieter finanzieren muessen. Und dass die ideologischen Grabenkaempfe zwischen Kernenergie-Gegnern und -Befuerwortern endlich aufhoeren: Teuer gemachte Kernenergie als Brueckenloesung, die die solar-basierten Energieversorgung der Zukunft finanzieren hilft, muss diskutiert werden.

Fazit: Wir werden uns wohl daran gewoehnen muessen, dass Strom weniger zuverlaessig geliefert wird. Wenn nicht an verschiedensten Stellen die Einsicht waechst, dass diese kuenstlich stabilisierte, von der Hand in den Mund lebende Stromnetz neu gestaltet werden muss. Einschliesslich des Kraftwerksparks.