News/Artikel auf energieinfo.de
2007-01-01
ENERGIEPOLITIK

Kommentar: Klimaschutz mit Kernenergie -- ist das möglich?

Michael Bockhorst


Das fatale Tetralemma zwischen fossilen Energien, Kernenergie, erneuerbaren Energien und Effizienzstrategien kann kaum aufgelöst werden. Zu viele Personen und Organisationen vertreten eigene Standpunkte, die Realitäten mißachten oder eigene Interessen durchsetzen sollen.

Warum keine fossilen Brennstoffe? Es ist inzwischen unbestritten, daß aus den Treibhausgasemissionen, die bei den aktuellen Techniken der Nutzung fossiler Brennstoffe freigesetzt werden, das Klimasystem der Erde sehr weitgehend beeinflussen. Noch ist nicht ganz klar, welchen Anteil der Mensch am Klimawandel hat. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß er der Hauptverursacher ist, ist sehr groß. Und die wahrscheinlichen Folgen sowie positive Rückkopplungen lassen dramatische Aenderungen erwarten, die eher zu einer Klimakatastrophe führen werden.

Warum keine Kernenergie? Die Nutzung der Kernenergie beinhaltet drei Probleme: Unfälle sind nicht auszuschließen, zumindest keine durch terroristische Aktionen ausgelösten Unfälle. Die Endlagerungsproblematik ist nicht gelöst und auch prinzipbedingt nicht zufriedenstellend lösbar: Nukleare Abfälle sind über viele hunderttausend Jahre gefährlich -- Zeiträume, in denen Entwicklungen nicht absehbar sind. Proliferation, die Weitergabe nuklearen Materials, ist prinzipbedingt nicht zu unterbinden: Gelangt dieses Material in die falschen Hände, koennen Schmutzige Bomben oder nukleare Sprengsätze gebaut und eingesetzt werden.

Warum keine erneuerbaren Energien? 10 oder 20 Prozent können erneuerbare Energien in einem Land wie Deutschland decken. Aber mit schlechter zeitlicher Verfügbarkeit: Schließlich sind Wind und Sonne nicht immer verfügbar und ziemlich unsichere Gesellen. Wenn wir große und bezahlbare Energiespeicher hätten, kein Problem, aber die stehen jetzt und wohl auch in den nächsten 2--3 Jahrzehnten nicht zur Verfügung. Warum dann keine Biomasse, die ist ja sozusagen eine Energie-Speicherform? Biomasse braucht Landfläche, und zwar landwirtschaftlich nutzbare Flächen. Und die sind zu klein, um -- unter Berücksichtigung ökologischer Standards -- die notwendigen Energiemengen zur Verfügung zu stellen.

Warum keine dramatischen Effizienzverbesserungen? In vielen Bereichen ist die Energieeffizienz schon sehr hoch, etwa bei Industrieprozessen und inzwischen selbst bei modernen Automotoren. Im Bereich der Wärmeisolierung von Gebäuden ist ein Potential, was den Primärenergiebedarf um 10--20 Prozent senken könnte und das zu vertretbaren Kosten. Aber im Bereich Industrie, Verkehr und beim Energieträger Strom ist die Luft sehr dünn. Wir müssten uns deutlich einschränken, mit allen Folgen: Weniger Konsum, weniger Mobilität, weniger Besitz, weniger Arbeit.

Klimaschutz kann mit erneuerbaren Energien oder Effizienzstrategien zu einem Teil betrieben werden. Aber wenn es um die Deckung der Grundlast geht, versagen sie heute noch. Der einzige Ausweg ist daher unter dem Aspekt des Klimaschutzes die -- ungeliebte -- Kernenergie.

Aber nur unter einer Bedingung: Jedes neu gebaute Kernkraftwerk muss ein fossil befeuertes Kraftwerk ersetzen, und zwar eines mit den höchsten spezifischen Kohlendioxidemissionen. Nur dann, wenn neue Kernkraftwerke alte Braun- und Steinkohle-Kraftwerke ersetzen, gibt es eine Chance, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken. Und nur dann wäre gewährleistet, daß Kernkraftwerke nicht dazu dienen, die Verfügbarkeit von Energie zu erhöhen und dabei einem weiter steigenden Energiebedarf Vorschub leisten.

Denn Kernkraftwerke als Antrieb für einen weiteren sorglosen Umgang mit Strom ist das letzte, was wir brauchen. Allerdings sind auch Braunkohlekraftwerke als Ersatz für Kernkraftwerke, die im Rahmen des Atomausstiegs abgeschaltet werden, das letzte, was wir brauchen!