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2007-01-27
ENERGIEPOLITIK

Kommentar: Klimawandel -- die Anpassungsstrategen sitzen in den Startlöchern

Der Klimawandel war schon lange nicht mehr so hipp wie in den vergangenen 3 Monaten. Alle stürzen sich auf dieses Thema, wer hat noch ein Grad mehr Temperaturerhöhung zu bieten? Wer hat noch schlimmere, dramatischere, finalere Katastrophenprognosen? Wie ist die Interessenslage am Klimawandel?

Michael Bockhorst

Hinweis zum Themenspezial Klimawandel und Energie auf www.energieinfo.de - 8 Seiten kompakte Information.

Die Meldungen überschlagen sich seit der Klimakonferenz des Novembers 2006 in Nairobi. Der demnächst erscheinende Report des IPCC, des Intergovernmental Panel on Climate Change, wird weiteren Stoff für Diskussionen, Artikel und Sendungen geben. Umfragen ergeben zunehmend, daß die Bedenken bezüglich des Klimawandels zunehmen, ja sogar in Deutschland ein weniger kernenergiefeindliches Klima schaffen.

Aber wie wollen wir die menschgemachte Komponente des Klimawandels behandeln? Das das Klima sich wandelt, ist ein Faktum. Noch gibt es einige, die den Einfluß des Menschen für nichtig oder sehr gering halten. Sind diese Menschen nicht richtig informiert? Handeln sie wider besseres Wissen? Wes Geistes Kind sind diese Menschen?

Es kristallisiert sich immer mehr heraus, daß von Seiten der Politik der Schwerpunkt der Reaktion auf eine Einsparung von Energie und eine Substitution der fossilen Brennstoffe durch kohlendioxid-neutrale Energien abzielt. Wird dies in konsequenter Weise verwirklicht, muß sich jeder Bürger mit diesem Thema auseinandersetzen, wird dabei lernen, verantwortungsvoll mit der so wichtigen Ressource Energie umzugehen. Er wird in Zukunft weniger Energie verbrauchen und die alternativen zu den Fossilen -- von der Kernenergie abgesehen -- unterstützen kleinere Einheiten von Energiewandlern. Eine Dezentralisierung von Entscheidungsmacht und Wirtschaftsmacht wird die Folge sein. Soviel zur Vermeidungs-Strategie, also der Strategie, die das Übel des menschgemachten Anteils am Klimawandel zu verringern sucht.

Die Rufe nach Anpassung an den Klimawandel sind lauter, drängender, mächtiger. Einerseits werden wir uns an den Klimawandel anpassen müssen, egal, zu welchem Anteil der Mensch an ihm beteiligt ist. Die Entwicklung des Klimas ist durch unserer heutiges Treiben auf die nächsten 20-40 Jahre vorprogrammiert, selbst, wenn wir schlagartig alle klimarelevanten Emissionen, also solche, die zum Treibhauseffekt beitragen, auf Null herunterfahren würden. Dennoch wird der Anteil des Menschen am Klimawandel von so manchem Wirtschaftsboss verharmlost: Klimawandel gab es schon immer, da haben wir vielleicht nichts mit zu tun.

Nun muß man sich die Frage stellen, wer an einer Anpassungsstrategie Interesse haben könnte. Der Stern-Report, der Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, gibt eine Antwort: Die Anpassungsstrategie ist viel teuerer als die Vermeidungsstrategie! Und je mehr Geld in einer Volkswirtschaft im Umlauf ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es, durch neue Investitionen und neue Dienstleistungen Geld zu erwirtschaften.

Könnte es sein, daß große Wirtschaftsunternehmen Interesse an einem zunehmenden Klimawandel haben? Ja, denn sie sind diejenigen, die neue Lösungen anbieten, die wir bezahlen müssen. Höhere Deiche, neue Unwetter-Warnsysteme, sturmfeste Dachbedeckungen, Klimasysteme für wärmere Sommer, und so weiter.

Die Tendenz, in bestehende Systeme immer mehr hineinzupacken, ist in den letzten 20 Jahren dramatisch gestiegen: Vor 20 Jahren waren Autos mit Klimaanlage, ABS, ESP, Servo-Lenkung, einfachem Bordcomputer eine Rarität, teilweise noch Prototypen. Heute gehört dies zur Standardausstattung eines normal ausgerüsteten Fahrzeugs. Demnächst noch komplizierte Hybrid-Antriebe, Navigationssysteme, Maut-Zahlsysteme, Unfallrekorder und noch so mancher Zusatz, mit dem die daran beteiligten Unternehmen Geld machen können. Oder das Beispiel Rente: Noch vor 10 Jahren hatte man eine Rentenversicherung -- heute hat die Rente vier Füße zu haben: Staatliche Rente, Riester, eine weitere private Rentenversicherung wird empfohlen und die sogenannte Ökosteuer auf Erdöl, Gas und Strom sichert ebenfalls einen Teil der Rente. Dieses Prinzip ist auf die Krankenversicherung ausgedehnt worden und eröffnet den großen Versicherungsunternehmen neue Milliarden-Märkte.

Es bleibt zu hoffen, daß der Verdacht, ein fortschreitender und zu pflegender Klimawandel sei von wirtschaftlichem Interesse, ein falscher ist. Hier kann Politik ihrer Verantwortung wieder gerecht werden: Indem sie einen Gegenpol zu rein wirtschaftlichen Interessen bildet und zwischen Bürgern und Unternehmen vermittelt. Nachdem die Politik sich jahrzehntelang mit der Wirtschaft arrangiert hat, könnte sie durch ein eigenständigeres Auftreten auch die Achtung des Bürgers gewinnen. Eine große Chance!