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2007-05-11
ENERGIERESSOURCEN

Artikel: Biomasse als tödlicher Klimaschutz?

Ja, richtig, tödlicher Klimaschutz. Genau wie bei der Nutzung der fossilen Brennstoffe scheint es bei der Suche nach Alternativen zu ihnen einen Blinden Fleck zu geben. Oder gleich mehrere davon. Dahinter verbergen sich Fehler, die bei einem zu starken Ausbau der Biomassenutzung in gleicher Weise die Existenz der Menschheit bedrohen wie die "klassischen" Probleme der Energieknappheit, der Umwelt- und Klimaschäden durch unsere Form der Energienutzung.

Michael Bockhorst

Das überschätzte Potential der Biomasse-Nutzung

Stellen wir uns folgende Frage: Wieviel Energie brauchen wir in Form von Nahrung und wieviel für die technische Energienutzung? Der tägliche Bedarf an Nahrung liegt bei etwa 9000 Kilojoule - das entspricht einem Viertel Liter Erdöl oder 300 Gramm Kohle oder 500 Gramm Holzpellets oder ... da wird es schon interessanter, etwa 4 Tafeln Vollmilchschokolade.

Unser externer Energiebedarf liegt hingegen -- umgerechnet in verschiedene Energieträger -- bei etwa 13 Litern Erdöl oder 16 Kilogramm Steinkohle oder 28 Kilogramm Holzpellets oder ... wieder in für uns verwertbarer Energie einem Äquivalent von 220 Tafeln Schokolade.

Der Energiefaktor, also der Quotient aus externem, technischem Energiebedarf und Nahrungsenergie-Bedarf liegt in Deutschland bei ca. 55 ! Wenn nun schon die Nahrungsmittelproduktion nicht mehr im Lande ohne weiteres aufrechterhalten wird, besonders die Herstellung hochwertigen Gemüses, Getreides oder Obstes, wie soll dann der Faktor 55 oder auch nur der Faktor 10 oder 20 in Form von Biomasse bedient werden?

Biodiesel als uneffizienteste Biomasseform

Auf einem Hektar gutem Ackerland können, beste Bedingungen vorausgesetzt, an die 1500 Liter Biodiesel erzeugt werden. Die Hälfte dieses Energieertrags muß eingesetzt werden, um die Energie aufzubringen, diese 1500 Liter zu produzieren. Effektiv bedeutet dies, dass pro Hektar ca. 750 Liter Biodiesel netto hergestellt werden können.

Jeder Deutsche hat im Schnitt 4000 Quadratmeter Bodenfläche. Bei einem Anteil der Ackerflächen von 30 Prozent an der Landfläche könnten also maximal 1200 Quadratmeter für die Biodieselproduktion eingesetzt werden -- wenn keine Nahrung mehr angebaut würde. Das sind 0.12 Hektar. Pro Person macht das in Biodiesel also 90 Liter und pro Kopf. Spätestens jetzt sollte es dämmern: Das wäre gerade einmal der Nahrungsbedarf von etwa 1/4 Liter Öl pro Tag! Und wer würde schon seine Nahrung in den Tank oder den Heizkessel stecken, anstatt sie sich einzuverleiben?

Holzpellets: Wenn Abfall zum gefragten Rohstoff wird

Ist Holz besser? 2 Tonnen pro Hektar und Jahr, wenn nachhaltige Forstwirtschaft das Primat ist. Sind pro Kopf und Jahr, bei 40 % Waldfläche in Deutschland, 320 Kilogramm Holz. Wenn man den Energieeinsatz für "Ernte" und Transport in Betracht zieht, bleiben davon etwa 250 Kilogramm übrig. Immerhin 700 Gramm pro Tag; 500 Gramm Energieäquivalent für Nahrung, 200 Gramm für Mobilität, Hausheizung, etc. Auch Holz ist keine Alternative.

Und wir haben ja noch einen Posten vergessen: Holz ist ein sehr wertvoller Rohstoff für den Hausbau, für Möbel, für die Herstellung von Papier und so weiter.

Bisher waren Holzpellets ein Produkt, welches aus dem Abfall der Holz- und holzverarbeitenden Industrie. Als vielleicht 10 000 Haushalte eine Holzpellet-Feuerungsanlage hatten -- 10 000 Haushalte von 36 000 000 Haushalten im Bundesgebiet (macht 0.03 Prozent!. Aber die Situation hat sich drastisch verändert: Viele Abnehmer von Abfällen machen den Abfall zu einem wertvollen, weil knappen Rohstoff.

Wird ein Rohstoff knapp, besorgt man ihn sich auf andere Weise oder anderswo. Darin liegt die große Gefahr einer ungehemmten Biomasse-Nutzung: Holz aus Energiewäldern, die aus genmodifizierten Pappeln bestehen, bereits " angedroht". Oder Holz aus fernen Ländern, in denen naturgewachsene Landschaften ausgerottet werden, um diesen industriellen Wachstumsflächen Platz zu machen.

Mehr Augenmaß -- Bäume sind zu schade zum verbrennen

Die einzige Technologie, die mit einer sehr weitgehenden Technikfolgenabschätzung aufwachsen mußte, ist die Kernenergie. Daraus könnten wir Methoden lernen, die die Technikfolgenabschätzung ebenso für die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie für die Nutzung der Biomasse anwendbar machen.

Aber da gibt es wohl ein Hemmnis in der menschlichen Natur: Biomasse-Nutzung hat etwas mit Natur zu tun. Fossile Brennstoffe sind die Überreste von Natur und haben sich natürlicherweise gebildet. Die Kernenergie ist jedoch sehr technisch und unnatürlich.

Jedoch, weit gefehlt: Eine industrielle Biomasse-Nutzung, und das ist der Trend, der vor 10 Jahren begonnen hat, ist so unnatürlich wie jede andere Art der Energienutzung.

Und schlimmer noch: Sie konkurriert mit unserer ureigensten Art der Biomasse-Nutzung, nämlich dem Anbau von Lebensmitteln! Die energetische Biomassenutzung konkurriert mit dem Anbau nachwachsender Rohstoffe für hochwertige Produkte wie Häuser und Möbel. Und, oft vergessen, sie konkurriert mit naturnahen Wäldern und Landschaften, die für unser psychisches Wohlbefinden von grundlegender Bedeutung sind.

Augenmaß beweist in dieser Hinsicht zum Beispiel der Großkonzern BP -- ehemals British Petrol, nun Beyond Petroleum --, der die Biomasse-Nutzung mit viel Augenmaß sieht. Merkwürdig, wo Umweltschutzparteien und -verbände so langsam aufwachen, daß die Biomassenutzung auch nachteilige Effekte haben könnte, sind die "bösen" Konzerne mindestens einen Schritt weiter!

Es bleibt zu hoffen, daß die ungezügelte und schlecht gemachte Biomasse-Nutzung ersetzt wird. Durch ein konsequentes Konzept:

  • Nahrung hat Vorrang vor Biomasse
  • Biodiversität in Ökosystemen und naturnahe Landschaften haben Vorrang vor Monokulturen
  • Biomasse nur dann, wenn sie als Nebenprodukt anfällt -- etwa Getreidekörner zu Brot und die Pflanzenreste zu Biogas
  • Hocheffiziente Biomassenutzung (in Form von Biogas, Biomass-to-Liquid) hat Vorrang vor anderen Technologien, die nur Pflanzenteile mit geringer Effizienz nutzen (Biodiesel, Palmöl, etc.).

Wird dies nicht beachtet, hat die energetische Nutzung von Biomasse tödliche Nebenwirkungen: Weniger Nahrung, mehr Hungertote.