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2007-11-01
ENERGIERESSOURCEN

Kommentar: Wie magisch ist die 100-Dollar-Marke für den Rohölpreis wirklich?

Der Ölpreis ist noch nie stabil gewesen, unterlag Schwankungen aufgrund verschiedener Ursachen. Aber abseits der Schwankungen gibt es einen klaren Trend: Und der geht hin zu immer weiter steigenden Preisen. Wann sind die 100 Dollar pro Barrel fällig und was bedeutet das?

Michael Bockhorst

Das ein Barrel Öl bald, also in einigen Wochen, 100 Dollar kostet, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Winter auf der Nordhalbkugel wird die Versorgungslage noch verschlechtern, weil die Nachfrage nach Öl für Heizzwecke im Winter immer steigt. Die Verknappung des auf dem Markt verfügbaren Öls beruht auf drei Hauptursachen: Immer mehr Menschen benötigen pro Kopf immer mehr Öl, welches immer schwerer zu beschaffen ist.

Kleine Ölförderstelle in einem kalifornischen Ölfeld

Wahrscheinlich haben wir "Peak Oil" längst überschritten. Peak Oil steht für das Ölfördermaximum im globalen Bild. Noch werden viele Anstrengungen unternommen, um neue Ölquellen zu erschliessen. Dabei sind diese Quellen zunehmend nicht-konventionelle Vorkommen, etwa Ölsande, Ölschiefer oder Förderstellen in den Tiefen des Nordatlantik. Nominell lohnt sich die Ausbeutung dieser Quellen schon heute, wenn man den Ölpreis betrachtet. Allerdings müssen die Förderkapazitäten erst aufgebaut werden. Und Projekte, deren Investitionsvolumen mit mehreren zehn Milliarden zu beziffern ist, sind kaum in ein paar Monaten abzuwickeln.

Was bedeutet es, daß wir den Ölhahn nicht weiter aufdrehen können? Es bedeutet zweierlei: Die Preise werden steigen und Öl wird immer wertvoller -- das ist zunächst schlecht. Der zweite Aspekt besteht darin, daß Öl zunehmend eingespart und durch besser verfügbare Alternativen ersetzt werden muß.

Die 100-Dollar-Marke ist somit eine psychologische Schwelle, die Beachtung finden wird. Aber was ist schon der Dollar für einen Europäer, wenn wir für einen Euro etwa einen Dollar und 40 Cent bekommen? Und bei den hohen Steuern auf Kraftstoffe fällt die Preisentwicklung der Rohstoffe kaum ins Gewicht. 80 Prozent Steuer- und Abgabenanteil bedeuten, daß Sprit gerade einmal um ca. 5 Prozent teurer wird, wenn Rohöl etwa 20 Prozent im Preis steigt. Oder ein anderer Vergleich. Im Jahr 1998 hat der Liter Benzin etwa 1.80 DM (ca. 0.90 Euro) gekostet, heute kostet ein Liter Benzin 1.07 Euro, wenn man die Ökosteuer herausrechnet. Dies entspricht einer Preissteigerung von gerade einmal 2 Prozent pro Jahr. Frische Lebensmittel aus einem guten Bioladen, die in der Qualität mit den Produkten aus konventioneller Landwirtschaft in den 1970ern oder 1980ern entsprechen, haben sich in der gleichen Zeit mit ca. 8 Prozent pro Jahr verteuert! Wo ist da der Grund zur Aufregung über steigende Benzinpreise?

Schlimmer trifft es die Hausbesitzer mit einer heizölbefeuerten Heizung, besonders, wenn das Haus dem Stand der 1970er Jahre entspricht und 20 Liter pro Quadratmeter und Jahr " säuft". Dort ist der Steueranteil viel geringer, die Preise für Heizöl sind zwischen 1998 und 2007 im Schnitt um 12-13 Prozent pro Jahr gestiegen, im wesentlichen durch die Preissteigerungen der letzten 3-4 Jahre.

Aus europäischer Sicht ist die 100-Dollar-Marke dennoch nicht magisch, weil Wechselkurse mehr Einfluß auf den Rohölpreis haben, als andere Marktmechanismen. Aber die Symbolhaftigkeit der 100-Dollar-Marke könnte eine Chance sein, sich nicht mehr mit Vollgas in die Energiekrise zu bewegen. Stattdessen den Fuß vom Gas und Tempo herausnehmen. In leichtern Autos. Leben in etwas kleineren Häusern und Wohnungen bei drastisch verbesserter Hausisolation. Weniger fliegen, dafür die selteneren Urlaube wirklich genießen. Weniger Produkte zu kaufen und zu verschleißen, sie dabei auch wirklich zu nutzen.

Wenn der Mensch keine Prävention betreiben kann, um sich vor erwartbar steigenden Preisen zu schützen, wird er es auf die eher schmerzhafte Tour lernen. Aber er wird es lernen müssen. So oder so.