News/Artikel auf energieinfo.de
2008-05-24
ENERGIERESSOURCEN

Kommentar: 200 Dollar pro Barrel Öl noch dieses Jahr?

Michael Bockhorst

Bei der derzeitigen Preisentwicklung des Rohöls ist es nicht einmal unwahrscheinlich, dass die 200 Dollar pro Barrel noch dieses Jahr erreicht werden. Und dies schon dann, wenn man schlicht die Preisentwicklung linear weiterfuehrt. Von 100 Dollar zum Jahreswechsel ist der Rohoelpreis im ersten Jahresdrittel um gut 30 Dollar gestiegen.

Wie kommen die hohen Ölpreise zustande? Es gibt mit Sicherheit nicht nur einen Grund, sondern eine Zusammenwirken vieler Entwicklungen. Aber das Grundmuster und die tiefere Ursache ist die reale Verknappung verfügbaren Rohöls, weil die Quellen immer weniger Öl hergeben und immer Öl immer stärker nachgefragt wird.

Auf Meerwasser wird keiner spekulieren, weil es von mäßigem geldwertem Nutzen ist und in Hülle und Fülle verfügbar ist. Aber Öl wird zunehmend knapper und wird damit noch interessanter als Anlage der Spekulanten.

Ob das Maximum der Ölförderung nun schon erreicht ist oder ob es bald erreicht wird -- dies ist relativ unbedeutend für die Richtung der Preisentwicklung. Auch wenn das Fördermaximum erst in 5 oder 10 Jahren erreicht würde, wären die heutigen Preisentwicklungen die sichtbaren Vorboten dieses Umkehrpunktes.

Was oft außer Acht gelassen wird: Rohöl kann nicht direkt genutzt werden, es muß erst in Raffinierien in die Endenergieträger umgewandelt werden, also in Benzin, Kerosin, Diesel, Heizöl, Flüssiggas usw. Auch hier gibt es Engpässe, weil die Raffineriekapazitäten nicht mal eben ausgebaut werden, wenn mehr Energieträger benötigt werden. Besonders dann nicht, wenn unklar ist, wie sich die Absatzmärkte entwickeln, etwa durch die massive Einführung verbrauchsarmer Fahrzeuge und Wohnungen (... ich hoffe ja immer noch, aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt).

Das wundersamste an dieser unerwartet schnellen Preisentwicklung des Rohöls ist jedoch die Tatsache, daß es in Deutschland im großen und ganzen relativ ruhig zugeht. Hier und da ein paar aufgeregte Artikel in den Medien, ein paar Aufreger über den hohen Preis an der Tankstelle und das war es dann auch. Daß Heizöl für private Verbraucher fast 1 Euro pro Liter kostet statt 0.3 Euro noch vor 5 Jahren, scheint niemanden zu interessieren und schon gar niemanden aufzuregen -- das ist umso erstaunlicher, da eine beheizte Wohnung elementarer ist als 50 Prozent der Autofahrten.

In den USA entstehen konkrete Reaktionen auf den hohen Rohölpreis: Autobauer legen die Produktionsstraßen für ihre SUVs monatelang still, weil sie schon jetzt auf diesen nicht sehr effizienten Fahrzeugen sitzen bleiben. Der öffentliche Personenverkehr erlebt in vielen Regionen Zuwächse von 5-15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und die Entwicklung von reinen Elektrofahrzeugen scheint derzeit eine Sache einiger US-Bundesstaaten zu sein, weniger der ach so grünen Staaten wie Deutschland. Aber eines ist in den USA auch anders als in Deutschland: Der steigende Rohölpreis schlägt aufgrund der sehr viel geringeren Steuern viel stärker auf die Endpreise für Kraftstoffe durch.

So hart die hohen Ölpreise viele treffen werden, vor allem diejenigen, die ein kostengünstiges Eigenheim mit Öl beheizen und diejenigen, die viel mit dem Auto fahren müssen, um ihre Arbeit, die auch noch schlecht bezahlt ist, zu behalten ... die drastischen Preissteigerungen beim Rohöl werden zu einer deutlichen Veränderung unserer Auffassung von Energie und unserer Art und Weise, wie wir konsumieren, führen.

Daraus könnte ein Lebensstil entstehen, der mehr Zufriedenheit bringt, aber gleichzeitig den energetischen und materiellen Verbrauch, der so viele Probleme verursacht, herunterdrückt. Dies bleibt meine persönliche Hoffnung, die hoffentlich nicht zum sterben verurteilt ist.